Herzklopfen ist zeitlos

Auch Seniorinnen und Senioren können noch in einen Strudel von Gefühlen geraten. Hierauf lassen erste Ergebnisse einer Studie schliessen, die zurzeit von einem Thurgauer Ärzteteam und Konstanzer Psychologen durchgeführt wird.

Inge Staub
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Grosses Kino: Vivien Leigh und Clark Gable in «Vom Winde verweht». (Bild: ky)

Grosses Kino: Vivien Leigh und Clark Gable in «Vom Winde verweht». (Bild: ky)

FRAUENFELD. Einmal empfinden wie Clark Gable und Vivien Leigh im Film «Vom Winde verweht». Einmal im Glück schweben wie Leonardo DiCaprio und Kate Winslet am Bug der Titanic. Wer wünscht sich das nicht? Die Erfüllung dieser Sehnsüchte ist nicht nur der Jugend vorbehalten. Auch ältere Menschen können grosse Gefühle erleben.

Darauf lassen erste Ergebnisse einer Studie schliessen. «Wir haben keinen Grund anzunehmen, dass ältere Menschen nicht mehr zu grossen Gefühlen fähig wären», sagt Bernd Ibach. Der Chefarzt Ambulante Alterspsychiatrie/-Psychotherapie der Clienia Littenheid AG, erforscht, wie sich das Gefühlsleben älterer und alter Menschen gestaltet.

Aktivität wie bei Jüngeren

Die Studie, die Bernd Ibach gemeinsam mit Konstanzer Psychologen, dem Institut für Radiologie am Kantonsspital Münsterlingen und der Memoryclinic Münsterlingen durchführt, soll Antworten auf folgende Fragen geben: Wie verarbeiten ältere Menschen verschiedene Emotionen? Und wie vergleicht sich ihre Gehirnaktivität mit Jüngeren?

Hundert Personen haben sich für die Forscher bereits in den Kernspintomographen gelegt. Die eine Hälfte war jünger als 30 Jahre, die andere Hälfte jünger als 75 Jahre. Da die Studie noch nicht abgeschlossen ist, verrät Bernd Ibach als Zwischenergebnis nur so viel: «Ältere Menschen reagieren genauso sensibel auf emotionale Informationen wie Jüngere.»

So verarbeiten etwa die Älteren erotische oder ängstliche Impulse genauso intensiv wie die jüngeren Generationen. «Auch bei Trauer und Ärger reagieren Ältere ebenso intensiv wie Jüngere», stellte der Psychiater und Psychotherapeut fest. Auf welche Gefühle die Älteren weniger intensiv reagieren, darüber geben die Forscher noch keine Auskunft. Sie wollen vorerst abwarten, was der nächste Teil der Untersuchung ergibt.

Die Forscher wollen ihre Studie auf Hochbetagte ausweiten: «Wir möchten nun mehr über die emotionale Erlebniswelt von Hochbetagten herausfinden», sagt Bernd Ibach. Er und seine Kollegen suchen deshalb 20 gesunde alte Menschen, die über 80 Jahre alt und bereit sind, an der Studie mitzuwirken.

Fotos lachender Kinder

Wie gehen die Forscher vor? Sie scannen das Gehirn der Probanden mittels Kernspintomographie. Diese Untersuchungsmethode erlaubt einen Einblick darin, wie emotionale Informationen vom Gehirn verarbeitet werden. Mittels spezieller Netzwerke bewertet unser Gehirn jede eingehende Wahrnehmung hinsichtlich ihrer emotionalen Bedeutung und verarbeitet verschiedene Emotionen in besonderer Art und Weise. Während sie im Kernspintomographen liegen, betrachten die Probanden Fotos mit verschiedenen Motiven. Die Fotos zeigen traurige, freudige oder neutrale Ereignisse: Menschen, die sich auf einem Friedhof aufhalten, oder Szenen von Gewalt. Auch lachende Kinder bekommen die Testpersonen zu sehen.

Sobald die Probanden auf die emotionale Information der Fotos reagieren, werden bestimmte Teile des Gehirns aktiviert. Diese Bereiche leuchten dann rot oder gelb im Kernspintomographen auf. Dieser verwendet Magnetfelder zur optischen Darstellung der Hirnstrukturen aus unterschiedlichen Perspektiven, womit selbst minimale Veränderungen in der Gehirnaktivität sichtbar gemacht werden können.

Gehirn reagiert auf Gefühle

Weltweit wurden bislang kaum vergleichbare Studien mit einer solch grossen Zahl von Probanden durchgeführt. Die Ergebnisse der Münsterlinger Studie sind folglich nicht nur für die Gehirnforschung von hohem Interesse, sondern auch für die psychotherapeutische Arbeit mit alten Menschen. «Therapeuten sollten alte Menschen ermutigen, Gefühle wahrzunehmen», sagt Bernd Ibach.

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