HERDERN: Auf Nervenkitzel folgt Wehmut

Mit einer Mischung aus Akrobatik, Poesie, Chanson und gutem Essen garantiert das Weihnachtsvariété dieser Tage zum 14. und letzten Mal einen Genuss für alle Sinne.

Christine Luley
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Herr Benedict alias Martin Schepers entflieht dem Alltag und will hoch hinaus. (Bild: Reto Martin)

Herr Benedict alias Martin Schepers entflieht dem Alltag und will hoch hinaus. (Bild: Reto Martin)

Christine Luley

frauenfeld@thurgauerzeitung.ch

Jesse Huygh verblüfft mit akrobatischer Kunst am Chinesischen Mast. Der Artist aus Antwerpen windet sich geschmeidig und scheinbar mühelos die vertikale Stange hoch. Hängt waagrecht wie eine Fahne im Wind. Bewegt sich drehend, überschlagend nach unten, verharrt im Schwebezustand. Atemberaubend sind seine kraftvollen Bewegungen und Sprünge.

Rahel Voirol-Sturzenegger sorgt für die Moderation. Ihr Mann Francis verrät, dass, «die beste Frau der Welt», die hauptsächlich im Hintergrund aktiv war, «mich all die Jahre an der Front locker hätte ersetzen können».

Der Traum eines Businessmanns

Souverän trägt Rahel Voirol die «Klassäzämäkunft» von Dieter Wiesmann vor. «Zum Glück lassen sich nicht alle ihre Traumlichter ablöschen», fasst sie zusammen und kündigt die Luftnummer «Dream of a Business Man» an. Fahrgeräusche einer herannahenden U-Bahn ertönen. Ein Mann im weissen Hemd mit Krawatte und einem Aktenkoffer zwängt sich in den Zug, hält sich an den Haltegriffen fest. Martin Schepers verwandelt sich in Herrn Benedict. Der Artist aus Berlin schlingt sich die Strapaten, zwei von der Decke hängende schmale Schlaufen, um die Handgelenke und schwingt sich in die Lüfte. Entschwebt dem Alltag und verzaubert das Publikum.

Nach Auftritten in der ganzen Welt treten Esther und Jonas Slanzi auch in Herdern auf. Das Artistenduo aus Winterthur setzt leere Champagnerflaschen als originelle Requisiten ein. Auf einem schräggestellten Küchentisch schiebt sich das Paar in einem unglaublichen Tempo die tanzenden Gefässe zu. Die ehemalige Primarschullehrerin Esther Slanzi hat die Artistenschule in Berlin absolviert und sich vor zehn Jahren für die Künstlerlaufbahn entschieden. Ihr Partner Jonas Slanzi ist seit 18 Jahren freiberuflicher Artist. Zur Faszination im Beruf zählt für Esther Slanzi das Kennenlernen von Kulturen und anderen Menschen. Dazu gehören auch die unterschiedlichen Applausgewohn-heiten. Die Artistin erzählt, dass das Publikum in Deutschland klatschfreudig ist und in Frankreich während dem Auftritt absolute Stille herrscht. Und dass die Artisten am Schluss mit einer Standing Ovation belohnt werden.

Wie gewohnt verwöhnt das Küchen- und Serviceteam zwischen den Nummern die Gäste im Weihnachtsvariété mit einem Vier-Gang-Menü. Seit dem Beginn vor 14 Jahren ist Mary Peter als Küchenchefin dabei.

Wenn das Publikum weich wie Wachs ist

Immer wenn es um Kunst geht, sind auch Kritiker zur Stelle. Rahel Voirol interpretiert meisterhaft Georg Kreislers Musikkritiker, der da findet: «Ich seh’, wie das Publikum weich wird wie Wachs, wenn Musik alle Sinne bewegt. Ich seh’, wie beim Zuhören manch’ trutzigem Manne ein Tränchen die Brille beschlägt. Nur für mich hat das Zuhören keinen Sinn, weil ich unmusikalisch bin.»

Alex Mihajlovski tourt seit fast 30 Jahren mit seiner selbstgebauten Puppe Barti. Fast glaubt man, dass das kleine Kerlchen lebt. Denn Barti kann Hände, Beine, Augen, Mund und Kopf bewegen. Sein Chef, der einstige Möbeldesigner, verrät, dass es nach den Auftritten an den Fäden stets etwas zu reparieren gebe. Dabei entwickelt Mihajlovski das System immer weiter, um Barti noch mehr Beweglichkeit zu verschaffen. Der Künstler ist einer der wenigen professionellen Puppenspieler in Europa und bedauert, dass die Kunst des Puppenspiels allmählich verschwindet.

Mit Kreislers «Mein Weib will mich verlassen» kündigt die Moderatorin die letzte Nummer an. Monsieur Chapeau aus Berlin ist viel unterwegs. Für den Artisten gehört Reisen und Abschiednehmen zum Alltag. Er legt über seine Reisekoffer ein Brett, balanciert auf den Rola-Rola-Rollen.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge sagen Voirols nach dem Finale Adieu. «Wir bedanken uns für die jahrelange Treue, die Sie dem Variété und unserem Schaffen entgegengebracht haben.» Das Publikum antwortet mit lang anhaltendem Applaus. Francis und Rahel Voirol blicken nach vorn. «Unsere Zukunft geht im showtechnischen Bereich mit GymStars weiter, dem Turn- und Akrobatik­event am 13./14. Januar in der Rüegerholzhalle, Frauenfeld.»