Herausforderer vom Seerücken

Bei den Thurgauer Ständeratswahlen kandidiert der Grünliberale Klemenz Somm gegen die beiden Bisherigen. Der Rinderzüchter und Schnellstrassen-Gegner setzt sich für den Atomausstieg und verlässliche Beziehungen zur EU ein.

Thomas Wunderlin
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Klemenz Somm wohnt und arbeitet im Schrofenhof, von wo er eine schöne Aussicht auf Kreuzlingen und Konstanz geniesst. (Bild: Reto Martin)

Klemenz Somm wohnt und arbeitet im Schrofenhof, von wo er eine schöne Aussicht auf Kreuzlingen und Konstanz geniesst. (Bild: Reto Martin)

KREUZLINGEN. Mit wechselndem Erfolg bekämpfte Klemenz Somm die verschiedenen Strassenprojekte, die in den letzten Jahren zur Entlastung des Kreuzlinger Stadtzentrums erwogen wurden. Alle Varianten sollten rund 400 Meter südlich seines Schrofenhofs vorbeiführen. Das gilt auch für die 2012 vom Thurgauer Volk angenommene Oberlandstrasse. Sein eigener Boden ist nicht betroffen; dem 47jährigen Bauern und Ständeratskandidaten der Grünliberalen geht es um den Kulturlandschutz. Bei einer Wahl würde er sich in Bern für den Netzbeschluss einsetzen, mit dem der Bund für die Thurtalachse zuständig würde; Somm würde dem Bund aber statt der Bodensee-Thurtal-Strasse «eine massgeschneiderte Lösung» der Verkehrsprobleme empfehlen.

Seine verkehrspolitischen Ansichten seien bekannt, sagt Somm im Gespräch in seinem Garten. Er will deshalb auch über anderes reden. Die Wählerschaft soll unter anderem wissen, dass sie von Somm eine «konstruktive Europapolitik» erwarten kann. Die permanente Verunsicherung, die von rechts geschürt werde, sei «toxisch» für das Investitionsklima in der Schweiz, findet Somm, der seinen Hof in ein KMU mit 14 Mitarbeitern verwandelte.

In der Zeit des Rinderwahnsinns hatte er auf Weidefleisch aus eigener Zucht gesetzt. 1998 kaufte er zum Ertragswert den väterlichen Schrofenhof, der nach einem ehemaligen Schloss benannt ist. Dazu gehörte Pachtland, das später überbaut wurde. Er habe nie Land verkauft, betont Somm. Allmählich ging er dazu über, das Fleisch pfannenfertig zu verkaufen, was er in Ökonomensprache als «grössere Fertigungstiefe» bezeichnet. Im Hofladen bietet er weitere Lebensmittel gehobener Qualität an. Der Betrieb beliefert 150 Gastrobetriebe. Das Geschäft laufe sehr gut, sagt Somm. «Vielleicht haben wir den Zeitgeist getroffen.» In seiner grün-grünliberalen Wählerschaft neigt der Zeitgeist heute eher zum Vegetarismus. Dass der Mensch Fleisch esse, sei wohl von einer höheren Macht so vorgesehen, sagt Somm und deutet zum Himmel. «Es ist alles eine Frage des Masses.» Man könne sich auch ohne Fleisch ausgewogen ernähren, aber mit Fleisch sei es leichter.

Somm will kreativen Unternehmergeist in den Ständerat bringen und kritisiert Politiker, die sich mit «einem Koffer voll Verwaltungsratsmandaten» als Wirtschaftsvertreter bezeichnen, aber bloss Partikularinteressen vertreten würden. Das könnte auf den Konkurrenten, SVP-Ständerat Roland Eberle, gemünzt sein. «Ich nenne keine Namen», sagt Somm.

Scheinbare Schonung

Die Konkurrentin von der CVP scheint er im Wahlkampf zu schonen. Somm bestätigt ironisch: «Man kann Brigitte Häberli nicht attackieren.» Das zeige sich beim Atomausstieg. «Ich bin für den Ausstieg bis 2029. Eberle will aussteigen, wenn es kein Uran mehr gibt. Häberli will aussteigen, wenn es die Mehrheit will.»

Laut der «Neuen Zürcher Zeitung» verläuft der Wahlkampf im Thurgau sehr ruhig. Dabei hat sie den angriffigen Wahlkampfstil Somms übersehen. So prangert er etwa den ausserordentlichen 1,2-Milliarden-Franken-Abschreiber der Axpo als Vernichtung von Volksvermögen in ganz grossem Stil an. Für den Thurgau, der 14 Prozent des Energiekonzerns besitzt, bedeute das einen Wertberichtigungsbedarf von 168 Millionen Franken. Die Axpo mit ihrer «ewiggestrigen Unternehmensstrategie» habe sich noch vor zehn Jahren in Werbespots über erneuerbare Energien lustig gemacht, sagt Somm. Europäische Mitbewerber hätten da längst in zukunftsträchtige Energien wie Off-shore-Windparks investiert. Mit dieser Kritik trifft Somm indirekt auch Axpo-Verwaltungsrat Eberle, obwohl dieser vor zehn Jahren noch nicht Verwaltungsrat des Stromkonzerns war.

Somm steht für eine Alternative in der Energie- und Verkehrspolitik. Bei der Agrarpolitik ist das weniger der Fall. Das Mitglied des Bauernverbands unterstützt etwa den Grenzschutz der Schweizer Landwirtschaft, auch wenn Somm ihn selber nicht braucht: «Ich habe sogar Kunden aus Konstanz.» Somm weist nach Norden, wo die Nachbarstadt Kreuzlingens zu sehen ist.

Sein Vater war Mitbegründer der SVP Kreuzlingen. Der Sohn trat einst der FDP bei. Deren Strukturen erwiesen sich aber aus seiner Sicht als zu verkrustet. So kam er 2004 als Parteiloser auf der Liste der Grünen in den Thurgauer Grossen Rat, wo er die Debatten mit seinem rhetorischen Talent bereichert.

Alle Register gezogen

Seine Wahl in den Ständerat käme einem «politischen Erdbeben» gleich, räumt Somm ein. Seine Ständeratskandidatur soll auch den gefährdeten grünliberalen Nationalratssitz verteidigen. «Wir müssen alle Register ziehen, ich bin eines davon.»