Heinrich J. Nüssli goes Opera

HÜTTWILEN. Mitte Dezember feiert «Viva Verdi» im Zürcher Hallenstadion Premiere. Co-Produzent ist Heinrich Nüssli. Der Hüttwiler Gerüste- und Tribünenbauer erfüllt sich damit einen lange gehegten Traum. 34 000 sollen die Opernshow sehen.
Beat W. Hollenstein
Visualisierung der Bühne: Sie ist 37 Meter breit und 26 Meter tief. Prägende Elemente sind vier je 3,5 Tonnen schwere und 10 Meter hohe Spiegel. Sie sind transparent und können nach vorne geneigt werden. Dahinter ist der hundertköpfige Chor plaziert. (Bild: Visualisierung: pd)

Visualisierung der Bühne: Sie ist 37 Meter breit und 26 Meter tief. Prägende Elemente sind vier je 3,5 Tonnen schwere und 10 Meter hohe Spiegel. Sie sind transparent und können nach vorne geneigt werden. Dahinter ist der hundertköpfige Chor plaziert. (Bild: Visualisierung: pd)

Eigentlich müsste er sich selbst nichts mehr beweisen. Ebenso wenig der übrigen Welt. Heinrich J. Nüssli könnte sich in seinem Zuhause im schwyzerischen Bäch am oberen Zürichsee des Lebens freuen. Dort, wo sich die Millionäre gegenseitig auf die Füsse treten. Schliesslich hat es der 60-Jährige in 30 Jahren geschafft, aus einer Gerüstbaufirma mit 15 Angestellten einen globalen Nischenplayer mit rund 340 Mitarbeitern zu formen. Die Nüssli-Gruppe mit Sitz in Hüttwilen hat schon auf allen Kontinenten gebaut. Im Event-, Messe- und Ausstellungsbau gilt die Firma als das Mass aller Dinge.

Doch vor zwei Jahren hat Heinrich Nüssli die strategische Führung des Unternehmens seiner zweiten Frau, der 24 Jahre jüngeren Isabelle, geborene Sekinger, übergeben. Seither besitzt er in Hüttwilen kein eigenes Büro mehr. «Frisches Blut tut der Firma gut», sagt er. Jedenfalls habe er noch keinen Augenblick bereut, ins zweite Glied zurückgetreten zu sein. «Meine Frau, Tochter eines Bauunternehmers, macht es anders als ich, aber mindestens ebenso gut.»

Nüssli will's noch einmal wissen

Das Dasein als Frührentner passte zu ihm wie die Faust aufs Auge. «Jetzt kannst du machen, wovon du immer geträumt hast», spornte ihn seine Frau an. Und plötzlich packte es ihn, er wollte es nochmal wissen.

Nun taucht Nüssli als Executive Producer von «Viva Verdi» auf, einer Opernshow, die Mitte Dezember im Hallenstadion ihre Welturaufführung feiert. Vier Shows werden gezeigt, Nüssli hofft auf über 30 000 Besucher. Und darauf, dass sein Traum weitergeht: Er möchte die Show «on the road» bringen, wie er sagt. Also während fünf bis zehn Jahren in alle Welt verkaufen. Dann erst würde «Viva Verdi» zum Big Business.

Doch noch steht der Erfolg nicht festgeschrieben. Drei Millionen buttern Nüssli und sein Kompagnon, Freddy Burger von der gleichnamigen Management AG, in die zweistündige Show. Der Vorverkauf laufe zwar zufriedenstellend, aber die Gewinnschwelle sei noch nicht erreicht. Ein zu grosses Risiko? Nüssli winkt ab: «Wer nichts wagt, gewinnt nichts.»

Letzten Dezember ist Heini Nüssli senior im Alter von 92 Jahren gestorben. Der Bauernbub hatte den Grundstein zum Unternehmen gelegt, als er 1941 in Hüttwilen eine Zimmerei gründete. Seine Frau Germaine, im nahen Buch aufgewachsen, sei ihm dabei als «Finanzministerin» zur Seite gestanden, erzählt Nüssli junior (wobei das «J» im Namen nicht für Junior, sondern für Johann steht). 1958 stiegen die Nüsslis in den Tribünenbau ein. 1980 überschrieb er die Firma auf seinen Sohn. Der zählte gerade mal 28 Lenze.

Das Gesellenstück gelang ihm während des Umbaus des Zürcher Opernhauses von 1983 bis 1985. Der damalige Direktor Claus Helmut Drese musste seine gegen 500 Leute, die auf der Lohnliste standen, irgendwie beschäftigen. Deshalb wurde das Hallenstadion als Ersatzspielstätte mit Verdis «Aida» bespielt. Nüssli plante und fertigte Bühne und Kulissen.

Kompliziert wie ein Uhrwerk

Die Oper mag er zwar, sein eigentliches Antriebsmoment sei aber die Logistik gewesen. «Wie bei einem komplizierten Uhrwerk muss alles zusammenpassen.»

Das Meisterstück lieferte Nüssli 1990 ab. Die englische Rockgruppe Pink Floyd wollte «The Wall» am Potsdamer Platz aufführen. Und Nüssli baute hierfür die Bühne. Sie wies eine Breite von 320 Metern auf, so etwas hatte die Welt bis anhin noch nie gesehen. 350 000 sahen das Spektakel an.

Das bedeutete für die Hüttwiler Firma den endgültigen Durchbruch. «Wir bauen temporäre Plattformen, die andere mit Inhalten füllen», umschreibt Heinrich Nüssli die Tätigkeit. Auf drei Säulen fusst seine Ausbildung, wie er sagt: Nach der Matura studierte er an der ETH Bauingenieur und schob in St. Gallen den «lic. oec.» nach. «Und Menschen führen lernte ich in der Armee als Hauptmann der Genietruppen.»

Die Lebenskrise des Machers

Eine Frau, zwei Kinder, Erfolg, das Leben meinte es gut mit ihm. Sein Lebensmittelpunkt war Hüttwilen. Doch zur Jahrtausendwende geriet der damals 48-Jährige in eine Lebenskrise. Davor sind auch Machertypen nicht gefeit, vor allem dann, wenn ihnen das Heft plötzlich aus der Hand genommen wird. Seine Frau wollte sich scheiden lassen.

«Es war wie ein Blitz aus heiterem Himmel», erinnert sich Nüssli. Im Rückblick ist auch ihm klar, dass das Ehe-Schiff schon früher aus dem Ruder gelaufen war. «Als erster Verkäufer war ich wochenweise unterwegs, und wenn ich nach Hause kam, mussten noch die Hausaufgaben erledigt werden.» Überfordert sei er gewesen, erschöpft und gereizt; das wollte die Ehefrau nicht mehr länger goutieren.

In zwei Containern eingelagert

2008 wurde das Konzept einer fast bühnenfertigen Show an Heinrich J. Nüssli herangetragen. Der New Yorker Produzent John Myers wollte «Joe Green's Greatest Hits» (Joe Green für Giuseppe Verdi) auf die Bühne bringen. Doch die Wirtschaftskrise holte ihn ein, Myers machte Pleite, und Nüssli griff zu. In zwei rostigen Containern auf dem Firmengelände in Hüttwilen lagern Bühne und Kulissen.

Nun ist Nüssli erstmals nicht nur für die Plattform verantwortlich, sondern auch für den Inhalt. Während sein Zürcher Partner Freddy Burger das Marketing macht, «fällt ab Vorderkante des Orchestergrabens alles in meine Zuständigkeit».

Die Fieberkurve steigt an

Seit drei Jahren laufen die Vorbereitungen, jetzt aber, gut drei Wochen vor der Premiere, steigt die Fieberkurve rapid an. Um das Ganze zum Erfolg zu bringen, müssen über zweihundert Leute am gleichen Strick ziehen. 100 Chorsänger, 52 Musiker, 11 Solisten, darunter Noëmi Nadelmann, 20 Schauspieler und nochmals 30 Leute hinter der Bühne.

In den nächsten Tagen werden sich die Mitwirkenden aus zwölf Ländern in Zürich einfinden, ihre Zimmer im Holiday Inn unmittelbar neben dem Hallenstadion beziehen. Ab Ende Monat werden sie per Bus zu den Proben ins Seebachtal gekarrt; bis dahin wird in einer Nüssli-Halle auch die elf Meter hohe Bühne aufgebaut sein. Am 9. Dezember folgt ein voller Durchlauf in Kostümen.

Nüssli bald als Performer?

Wird für Nüssli irgendwann die Zeit reif sein für einen Bühnenauftritt? Er lacht. Terminpläne, Aufbauten, Menschen führen, das sei sein Ding. Alles so zusammenzufügen, dass das Ganze mehr ergebe als die Summe seiner Einzelteile. Sein musisches Talent beschränke sich jedoch auf das Singen von 70 Studentenliedern. «Die kenne ich dafür alle auswendig.»

Sein Gleichgewicht findet Nüssli in den Bergen. «Seit 43 Jahren gehe ich z'Berg, Klettertouren im Sommer, Skitouren im Winter.» Doch Steigeisen und Ski hat er bis auf weiteres an den Nagel gehängt. Denn im Frühjahr ist er auf dem Breithorngletscher in den Berner Alpen in eine Gletscherspalte gestürzt. Schwer verletzt wurde er mit dem Helikopter geborgen und landete im Spital Interlaken auf der Intensivstation.

Heute sagt er: «Mir ist ein zweites Leben geschenkt worden.» Und das will er nutzen, um «Dinge zu machen, die ich schon immer tun wollte».

Erfüllt sich einen Traum: Heinrich J. Nüssli bespielt das Hallenstadion mit einer Verdi-Show. (Bild: Stefan Beusch)

Erfüllt sich einen Traum: Heinrich J. Nüssli bespielt das Hallenstadion mit einer Verdi-Show. (Bild: Stefan Beusch)

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