Heimweg durch Europas Trümmer

Die Thurgauerin Martha Wiesmann begleitete als Krankenschwester einen Schweizer Flüchtlingstransportzug in Richtung Pilsen nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie schrieb dabei Tagebuch. Wir bringen einen Auszug ihrer Aufzeichnungen – ein Dokument aus chaotischen Zeiten.

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Porträtbild von Marta Wiesmann aus jungen Jahren. (Bild: pd)

Porträtbild von Marta Wiesmann aus jungen Jahren. (Bild: pd)

Das Aufgebot zur Bereithaltung bekomme ich am Freitag, 28. September 1945. Am Montag soll der Sanitätszug abfahren.

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Zürich ab 7.10 Uhr, Walenstadt an 8.58 Uhr. Im Zug treffe ich die Mehrzahl der Schwestern. Es ist ein schöner, sonniger Herbsttag. Wir alle sind voll Erwartung. Ein wenig abseits vom Bahnhof steht unser Zug, der schon beim letzten Transport benützt wurde.

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Abfahrt 15.30 Uhr nach St. Margrethen, dort befindet sich das Sammellager. Die Russen und Polen stehen herum, frierend, heimatlos, hinter Stacheldraht. Das sollen also unsere Passagiere sein. Wir sehen uns an und sind uns sicher einig, dass das eine aussergewöhnliche Stunde sei. Hier in St. Margrethen beginnt um 10.30 Uhr das Einladen von 492 Polen und Russen. Ein Wagen wird gefüllt mit Müttern und ihren Säuglingen und Kleinkindern, ein anderer mit schwangeren Frauen, grössern Kindern und Kranken. Die grösste Zahl sitzt in den Abteilungen.

Von Münsterlingen wird ein Irrer gebracht. Er wird von einem Pfleger begleitet. Er ist irre geworden im Konzentrationslager Belsen-Bergen vor Qualen und Heimweh. Ein grosser, stämmiger Bursche, ein Russe. Er liegt schon neun Tage im Dauerschlaf, manchmal so unruhig, dass ihn drei Männer kaum halten können. In den kurzen Pausen von Wachsein soll er trinken, aber er spuckt um sich. Mit Spritzen bringt man ihn wieder zur Ruhe. Er glaubt sich immer noch in deutschen Händen, er fürchtet die «Germany», die ihn so misshandelt haben. Ein Russe versucht, ihm in lichten Momenten klarzumachen, wo er sich befindet.

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Am 4. Oktober Abfahrt 12.35 Uhr nach Buchs, Grenzübertritt. Nun sind wir also nicht mehr daheim. Wie wird es gehen?

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Friedrichshafen, 19 Uhr: Nachtessen, erst das Personal, dann die Passagiere. Das Essen ist abgezählt, beim Verteilen muss man aufpassen, sonst verschwindet rasch ein Stück in einer Tasche. Abends gibt's noch grossen Lärm. Gesunde Männer geben an, es fehle ihnen etwas, damit sie ein Bett bekämen. Die Familienväter wollen bei Frau und Kind bleiben, was auch gestattet wird, denn wir sehen, dass die Väter gute Kindermädchen sind und es oft besser verstehen, die Kleinen zu beruhigen als die Mütter, die sich manchmal nur aufregen. In Friedrichshafen sehen wir die ersten zerstörten Häuser.

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Augsburg, 5. Oktober, 4.30 Uhr: Hier gibt es einen unfreiwilligen, längeren Aufenthalt. Die Dampflokomotive muss repariert werden. Ich lerne die neunjährige Marischa kennen. Sie fährt mit ihrer Mutter. Sie sind von ihrem Hof in Polen von den Deutschen vertrieben worden, im Laufe der Zeit durch Deutschland gekommen, in die Schweiz geflüchtet. Sie hoffen, ihre Heimat unter polnischer Regierung wieder zu finden, samt ihrem Mann und Vater, der als Fremdarbeiter dort bleiben musste.

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12.30 Uhr Donauwörth: Abfahrt nach dem Mittagessen. Auf den grossen Ebenen von Äckern sehen wir Leute. Sie arbeiten mit Pflug und Gespann, geführt von Frauen, hie und da ist ein alter Mann dabei, öfter jüngere Knaben. Dann bunter Laubwald, eine schöne Landschaft. Aber schon zeigt sich wieder der Krieg. Zunehmende Zerstörungen künden die Nähe eines Bahnhofes an.

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Erst Nürnberg, dann Fürth, dort warten wir mehrere Stunden. Die Linie ist nicht frei für unseren Zug.

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In Bamberg um 22:30 Uhr regnet es in Strömen. Das Perron ist voll von Rückwanderern mit Sack und Pack. Alle warten auf eine Gelegenheit, irgendwohin zu fahren, wo es ihnen besser gehen könnte. Menschen aus den verschiedensten Ständen, wie man es an ihren Kleidern sieht. Wir legen uns zur Ruhe. Abfahrt 23.30. Langsame Fahrt mit zeitweiligem Halt.

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6. Oktober, Hof 4.30 Uhr: Es regnet. Wir frieren und stehen auf. Die Leute sind gut angezogen und warten wie wir auch. Alles ist bereit zur Übergabe unserer Polen und Russen.

Aber wo ist der russische Zug? Russland wolle die Schweizer nicht herausgeben. Die Verhandlungen zwischen Bern und dem russischen Kommissar sind im Gang. Die Leute werden ungeduldig. Alle freuen sich aufs Heimkommen, und doch weiss niemand, was geschieht im verschlossenen Russland.

Einzelne werden misstrauisch und sagen, dass sie sich später wieder in der Schweiz einfinden werden. Es gibt auch solche, die nur widerwillig mitgekommen sind. Sie fürchten das russische Gericht, denn entweder haben sie sich nicht am Krieg beteiligt und sich als Fremdarbeiter anwerben lassen oder sie sind aus sonstigen Gründen, aus sozialen, wirtschaftlichen mit dem Regime nicht einverstanden. Und so gross das russische Reich ist, über wie viel Menschenmaterial es zu verfügen hat – der Name und die Stellung des einzelnen bleibt nicht verborgen. Und wer sich der Mentalität des Regimes widersetzt, wird weggeschafft.

Wir bleiben in Hof. Es soll in Frankfurt an der Oder ca. 10 000 Schweizer in Lagern haben aus den von den Russen besetzten Gebieten. Die Russen fürchten die Aussagen, die über ihr Schreckensregiment gemacht werden könnten, wenn die Schweizer heimkommen.

Abends gehen wir einmal in das Bahnhofgebäude. Die weiten Korridore sind gefüllt mit Menschen und ihrem Gepäck. Viele sitzen mit trostlosen und traurig ergebenen Gesichtern auf ihren Koffern. Im Bahnhofbuffet sitzen an den vielen runden Tischchen die Auswanderer dichtgedrängt. Wir gehen rasch wieder hinaus, alle schauen uns, mit der Rot-Kreuz-Armbinde, mit grossen Augen an. Eine Mutter fragt, ob wir nach Dresden fahren. Sie hat dort vor vier Wochen im Spital ihre zwei Kinder zurückgelassen und weiss nun nichts mehr von ihnen.

All diese Not zerreisst uns fast das Herz, und was können wir tun? Führen wir unsere paar hundert Leute nicht selber in neues Elend, in neue Schwierigkeiten? Was wir hier sehen, ist ein winzig kleiner Ausschnitt aus der grossen Völkerwanderung. Jeder einzelne hat viel oder alles zurückgelassen, vor ihm liegt eine dunkle, leere Zukunft, angefüllt mit Hunger, Heimatlosigkeit, Heimweh. Wir staunen über diese Menschen, die ohne ein Wort der Klage, ohne einen Fluch ihr Los auf sich nehmen, einander helfen und trösten. Sie warten alle miteinander auf einen Zug, der irgendwann einmal fahren wird. Was finden sie dann dort, wo sie hingeführt werden?

Am 8. Oktober wissen wir immer noch nichts von den Russen. Es heisst, sie seien bewaffnet von Frankfurt weggefahren, um unseren Zug uns abzunehmen, aber die Amerikaner lassen sie nicht durch. Was daran wahr ist, weiss man nicht. Auf jeden Fall sollen die Schweizer sicher da sein, bevor die Russen abgegeben werden.

Dienstag, 9. Oktober: Wir sind immer noch in Hof. Es ist ein Hin und Her, ein Fragen ohne Antwort. Alle wünschen, dass es vorwärts ginge. Es kommt ein Zug, um die Russen abzuholen, lauter Güterwagen mit durchlöcherten Dächern und Wänden.

Mittwoch, 10. Oktober: Unsere Leute fragen und fragen, doch wir wissen selber nichts. Doch dann, ein Pfiff und alle springen auf die Wagen, um 18.30 Uhr fahren wir. Allgemeiner Jubel unter den Reisenden.

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Donnerstag, 11. Oktober: Bayreuth, Cham (D), dann Furth im Wald. Nach Furth haben wir auf beiden Seiten prächtigen, buntgefärbten Laubwald. Dazwischen, auf den hügeligen Wiesen und Äckern sind die Bauern an der Arbeit. Der Zug fährt bedächtig, langsam steigend, um die Kurven sehen wir die lange Wagenreihe in schöner Linie, wir geniessen die Fahrt mit der Aussicht. Kein Bild der Zerstörung. Aus fast ebenem Land, das von netten Dörfern mit Kirchen und eingemauerten Friedhöfen besetzt ist, steigen plötzlich hohe, kegelförmige Berge auf, daneben rauchen hohe Kamine.

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Grenzübertritt nach Tschechien, in Domažlice machen wir einen längeren Halt. Dann geht es weiter nach Pilsen. Kurz vor der Stadt gibt es wieder einen Halt. Man erwartet aus Prag den Schweizer Konsul per Auto. Denn erst soll verhandelt werden, was mit den Polen in unserem Zug geschehen soll. 20 Kilometer nach Pilsen ist die russische Zone. Wir können deswegen die Leute nicht direkt nach Polen bringen. Und die Amerikaner und Tschechen haben kein Verlangen nach ihnen. Wieder ein Halt auf ungewisse Zeit.

Plötzlich können um 16 Uhr die Polen umgeladen werden in einen Personenzug nach Pilsen. Grosser Aufbruch, grosse beidseitige Freude. Aber der Abschied tut dennoch weh. Die Leute sind mir zum Teil doch lieb geworden, besonders die Marischa mit ihrer Mutter.

Nun geht es wieder ans Putzen, Strohsäcke umfüllen. Wir wollen für die Schweizer alles sauber haben. Um 20 Uhr fahren wir im Bahnhof Pilsen ein, um einige Tage hier zu bleiben. Die Nacht über stehen wir im Bahnhof.

Die Leute in Pilsen sind sauber und gut angezogen. Man soll Französisch sprechen, da die Tschechen das deutsche Volk samt dessen Sprache hassen. Dies wird uns bewusst, als wir am Nachmittag in die Stadt gehen: Einige der Schwestern fahren mit dem Tram zurück zum Bahnhof und werden am Ausgang von einer Dame aufmerksam gemacht, vorsichtig zu sein. Sie hatte gemerkt, wie die Fahrgäste unwillig und aufgeregt wurden. Dies, weil die Schwestern, unter sich natürlich und obwohl Schweizerdeutsch, aber eben doch Deutsch sprachen.

Am Samstag, 13. Oktober, kommt ein Zug von Prag her mit 160 Schweizern. Darunter solche, die grosse Güter in Sachsen und Schlesien besassen. Aber alles ist ihnen von den Russen weggenommen worden, die Häuser geplündert, die Frauen oft vergewaltigt. Auch die Ausweise über die schweizerische Herkunft nützte selten. In Prag kamen sie nach allen erdenklichen Schwierigkeiten zusammen und wurden dort verpflegt, gesäubert und verarztet, bis unser Zug nach Pilsen kam.

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Am 14. Oktober fahren wir zurück über Schwandorf. Mächtige Zerstörung, ebenso in Landshut. Wir sehen eine Hausruine, auf der gross gemalt steht: «Erst siegen, dann reisen.» Es ist schon so. Ganz Europa rollt hin und her. Aber wo ist der Sieg?

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In München sehen wir nicht viel, wir dürfen den Bahnhof nicht verlassen.

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Am 16. Oktober fahren wir, wieder durch Augsburg und Ulm, nach Friedrichshafen. Um 16.50 Uhr passieren wir mit grossem Jubel und Gesang die Rheinbrücke und fahren nach Buchs.

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Am 18. Oktober, nach 11 Tagen, ist alle Arbeit getan, die Schweizer, Polen und Russen sind zu Hause. Wir Schwestern fahren in Richtung Zürich. Still, jedes seinen Gedanken nachhängend. Plötzlich war wieder jedes allein.

Bearbeitung: Martin Rechsteiner