Hausärzte wollen Spital stoppen

Hausärzte wollen verhindern, dass die Spital Thurgau AG vermehrt Hausarztpraxen übernimmt, wenn deren Inhaber keinen Nachfolger finden. Zusammen mit dem Kanton und der Spital Thurgau AG arbeiten sie derzeit eine Regelung aus.

Christof Widmer
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Medizinische Grundversorgung: Ein Hausarzt betrachtet in seiner Praxis die Röntgenaufnahme einer Patientin. (Bild: Ralph Ribi)

Medizinische Grundversorgung: Ein Hausarzt betrachtet in seiner Praxis die Röntgenaufnahme einer Patientin. (Bild: Ralph Ribi)

FRAUENFELD. Es geht keine zehn Jahre mehr, bis die Hälfte der Thurgauer Hausärzte das Pensionsalter erreicht hat. «Wir haben ein Problem, die Grundversorgung aufrechtzuerhalten», sagt die Weinfelder Ärztin Sigrun Frohneberg Däpp. Sie ist Präsidentin des Thurgauer Vereins der Grundversorger. Nachwuchs für die Hausärzte zu finden, ist schwierig. So hat etwa dieses Jahr in Erlen eine Praxis mangels Nachfolgers schliessen müssen.

Nun handeln der Kanton, die Ärztegesellschaft und ihre Basisorganisationen, zu denen der Verein der Grundversorger gehört. Zusammen mit der Spital Thurgau AG arbeiten sie an einer Regelung, was passieren soll, wenn ein Hausarzt im Pensionsalter keinen Nachfolger findet. Das Papier sei derzeit in der Vernehmlassung, bestätigt Regierungsrat Jakob Stark. «Wir wollen eine flächendeckende Hausarztversorgung garantieren.»

Spital übernimmt Praxis

Eine Regelung mit Einbezug der Spital Thurgau AG begrüsst Frohneberg Däpp. Die Spital Thurgau AG hat unter den Hausärzten nämlich Unruhe ausgelöst, als sie vor zwei Jahren in Stein am Rhein eine Hausarztpraxis übernommen hat. Die Praxis wird jetzt von Ärzten geführt, die bei der Spital AG angestellt sind. Vorteil der Kantonsspitäler ist, dass sie über einen grossen Ärztepool verfügen. Gleich nach Übernahme der Praxis monierten aber die Thurgauer Hausärzte, dass die Spitäler für die stationäre Versorgung zuständig seien, und werteten den Vorstoss der Spital AG in die ambulante Medizin als Schritt in Richtung Staatsmedizin.

Es sei nicht die Idee, dass ein Spital in die Grundversorgung einsteige, sagt auch Frohneberg Däpp. Ihr Ziel ist, dass die Hausärzte das Nachfolgeproblem selber lösen. Im Idealfall würden sie einen jungen Kollegen finden, der eine Praxis übernimmt. Eine Alternative wäre laut Frohneberg Däpp, dass für eine Praxis ein Trägerverein gegründet wird, der Ärzte anstellt. Das könnte gerade jungen Ärzten ohne grosses finanzielles Polster den Einstieg in eine Praxis erleichtern. Sie müssten die Praxis nicht gleich kaufen. Vorteil eines Trägervereins könnte auch sein, dass er mehrere Ärztinnen und Ärzte einstellen könnte, die sich die Arbeit teilen. Erst wenn solche Lösungen scheitern, soll die Spital Thurgau AG aktiv werden, um die Grundversorgung in einer Region sicherzustellen, fordert Frohneberg Däpp.

Auch Gesundheitsdirektor Jakob Stark spricht von einem subsidiären Modell. Demnach würde zuerst geprüft, ob es in einer Region genug Hausärzte gibt, die die Patienten eines pensionierten Kollegen übernehmen könnten. Eine andere Möglichkeit wäre die Einrichtung von Gemeinschaftspraxen. Erst wenn das nicht fruchtet, wäre für Stark unter Umständen ein Engagement der Spital Thurgau AG sinnvoll. «Wir haben aber einen freien Markt.» Auch Strukturwandel soll stattfinden können. Ziel seien bedarfsgerechte und kostengünstige Lösungen.

Krankenkassen fassen Fuss

Frohneberg Däpp räumt ein, dass niemand einem Hausarzt verbieten könne, seine Praxis der Spital Thurgau AG zu verkaufen – oder einer Krankenkasse. Die Kantonsspitäler sind erst spät auf den Zug aufgesprungen. Die Krankenkasse Swica betreibt im Thurgau vier Arztpraxen – was in der Ärzteschaft nicht mit minderem Argwohn beobachtet wird. Zudem müssen die Kantonsspitäler nicht die einzigen Spitäler bleiben, die Hausarztpraxen übernehmen. Die Grundversorger-Präsidentin weist auf die private Hirslanden-Gruppe hin, die das anderswo schon mache.

Vor diesem Hintergrund will sich die Spital Thurgau AG nicht behindern lassen. Sie wolle gleich lange Spiesse haben wie andere institutionelle Praxisbetreiber, erklärte der Münsterlinger Chefarzt Robert Thurnheer in einem Interview mit unserer Zeitung (Ausgabe vom Freitag). Die Initiative für mögliche Praxisübernahmen gehe aber nicht von der Spital Thurgau AG aus. Es sei vielmehr so, dass Hausärzte auf diese zukämen, wenn sei keinen Nachfolger fänden.