Hauptstadt der Sozialdemokratie

Die SP Arbon feiert ihr Hundertjähriges mit der illustrierten Chronik «Roth und röter». Die Thurgauer Industriestadt am Bodensee war als «rotes Arbon» eine Hochburg der Sozialdemokraten, was auch Prominente wie Willy Brandt anzog.

Marcel Elsener
Merken
Drucken
Teilen
Arboner Transparent, das am Arbeiter-Sportfest 1928 zu sehen war.

Arboner Transparent, das am Arbeiter-Sportfest 1928 zu sehen war.

ARBON. Fünf Jahre ist es her, da wurde der legendäre Titel vom «roten Arbon» wieder mehrfach bemüht, auch von unserer Zeitung. «Das rote Arbon zuckt noch», titelten wir im März 2011 über eine trostlose Spurensuche, nachdem die SP ihren letzten Stadtratssitz verloren hatte. Ein paar Monate später straften die Arboner Sozialdemokraten ihr vermeintliches Dahinschwinden bei den Stadtparlamentswahlen allerdings Lügen: Mit 33 Prozent Wähleranteil meldeten sie sich als stärkste politische Kraft in der einstigen Saurer-Stadt zurück. Prompt titelten wir: «Das rote Arbon gibt es doch noch» – ein Befund, den die SP mit der Wiedereroberung zumindest eines Stadtratssitzes 2015 bestätigte.

Wenn die Sozialdemokratische Partei Arbon nun ihr hundertjähriges Bestehen feiert, tut sie das mit einem nicht nur rückwärts gerichteten Stolz. Und versichert sich erst recht ihrer schillernden Geschichte, die über die Blütezeit der linken Stadtregierungen von 1928 bis 1957 hinaus reich ist an interessanten Ereignissen – bis hin zu Auftritten nationaler und internationaler sozialdemokratischer Grössen.

Willy Brandt 1965 in Arbon – mit Stumpen beim Signieren.

Willy Brandt 1965 in Arbon – mit Stumpen beim Signieren.

«Sozialistische Hochburg»

Diese Geschichte ist ihr ein selbstredend rotes Buch wert, verfasst von einem Arboner SP-Gespann: Der ehemalige Thurgauer Regierungsrat Claudius Graf-Schelling hat unter Mitarbeit von Sabine Schifferdecker und Bernhard Bertelmann eine illustrierte Chronik zusammengetragen. Die beginnt freilich schon früher: Als die SP Arbon am 8. Juli 1916 gegründet wird, gibt es die SP Schweiz (1888) und die SP Thurgau (1906) längst.

In der Arbeiterstadt mit dem damals zweithöchsten Ausländeranteil der Schweiz (46 Prozent, mehr hat nur Lugano) sind die vielen linken Kräfte, darunter ein Arbeiterinnenverein, verzettelt und müssen sich erst auf eine gemeinsame Marschrichtung einigen. Arbon gilt da bereits als «sozialistische Hochburg des Thurgaus», wie die Zeitung des Grütlivereins schreibt. So findet 1911 in Arbon eine internationale Sozialistentagung mit je nach Quelle 4000 oder 8000 Teilnehmern statt, an der auch der Schweizer Nationalrat Herman Greulich und der Berliner SDP-Landtagsabgeordnete Karl Liebknecht sprechen.

Arboner Transparent, das am Arbeiter-Sportfest 1928 zu sehen war.

Arboner Transparent, das am Arbeiter-Sportfest 1928 zu sehen war.



Unter SP-Führung aus der Krise

Nach der Bündelung der Arbeitervereinigungen in der SP gewinnt die Arboner Linke schnell politischen Einfluss. Und 1925 erringt sie in der Ortsverwaltung erstmals die Mehrheit, die sie in der Exekutive sowie später auch im Gemeinderat bis 1957 behalten wird. Erster Ortsvorsteher und Gemeindeammann wird 1928 August Roth: «Das rote Arbon noch röter. Genosse Dr. Roth gewählt», titelt die «Thurgauer Arbeiterzeitung». Im gleichen Jahr beginnt der Bau des Strandbads Buchhorn, der aufgrund der knappen Mittel der Gemeinde von Arbeitersportlern weitgehend in Fronarbeit geleistet wird. Unter ihnen ist sogar ein «roter Pfarrer», der zum Entsetzen mancher bürgerlicher Damen mit nacktem Oberkörper pickelt und schaufelt.

Das Strandbad und die öffentlichen Seeuferanlagen bezeichnet Claudius Graf-Schelling als wichtigste Errungenschaft der roten Stadtregierung – bis heute profitiert Arbon von den Aufschüttungen im Hafen und Seepark, die dank des Schlosshof-Kaufs ermöglicht worden waren. Ausserdem dürfen die Sozialdemokraten laut den Chronikautoren «für sich in Anspruch nehmen, selbst in schlimmen Krisenzeiten gehalten zu haben, was sie versprochen hatten».

Transparente gerettet

Auch nach dem Verlust der absoluten Mehrheit prägt die SP das Industriestädtchen. Und weiterhin sind linke Spitzenpolitiker zu Gast: 1965 kommen zur Tagung der Sozialistischen Bodensee-Internationalen, die vom Arboner AZ-Redaktor, Kantons- und Nationalrat Ernst Rodel präsidiert wird, nebst Bundesrat Willy Spühler etwa Bruno Kreisky (damals Aussenminister) und Willy Brandt (damals Berliner Bürgermeister). Unter den kaum bekannten und teilweise erstmals veröffentlichten Abbildungen enthält die Chronik einige prächtige Polit-Transparente aus der Arboner Arbeiterbewegung, die 2004 in einem Schulhausestrich entdeckt und ins Staatsarchiv gerettet wurden. Auch sie bezeugen, dass Arbon mit Fug und Recht als Ostschweizer Hauptstadt der Sozialdemokratie bezeichnet werden darf.

«Roth und röter» (136 Seiten) ist für 39 Fr. in der Comedia St. Gallen, im Bücherladen Marianne Sax, Frauenfeld, oder via bernhard. bertelmann@bluewin.ch erhältlich.

Verdienst der SP-Stadtregierung und der Arbeitersportler: Eröffnung des Arboner Strandbads im Jahr 1933. (Bilder: Chronik «Roth und röter»)

Verdienst der SP-Stadtregierung und der Arbeitersportler: Eröffnung des Arboner Strandbads im Jahr 1933. (Bilder: Chronik «Roth und röter»)