Habsburg verliert den Zugriff

FRAUENFELD. Ob 1415 ein Schicksalsjahr der habsburgischen Geschichte war: Dieser Frage war eine Tagung zur «Zankapfel Thurgau»-Ausstellung im Historischen Museum Thurgau gewidmet. Für den Thurgau änderte sich 1415 wenig – vorerst.

Thomas Wunderlin
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Die niedere Gerichtsbarkeit blieb 1415 unverändert: Wappenscheibe mit Gerichtsszene aus Bussnang. (Bild: Historisches Museum Thurgau)

Die niedere Gerichtsbarkeit blieb 1415 unverändert: Wappenscheibe mit Gerichtsszene aus Bussnang. (Bild: Historisches Museum Thurgau)

Während des Konzils von Konstanz veränderten sich die grossräumigen Machtverhältnisse der unmittelbaren Umgebung entscheidend. 1415 beschlagnahmte der deutsche König Sigmund die Lehen des Habsburger Herzogs Friedrich IV., darunter die Landvogtei Thurgau. Die Landgrafschaft und das Landgericht fielen ans Reich. Vordergründig bestrafte Sigmund den Habsburger, weil er Partei für einen Gegenpapst ergriffen hatte. Nach Ansicht der Historikerin Doris Stöckly, einer Mitarbeiterin des Staatsarchivs Thurgau, war der wahre Grund wohl, dass sich Friedrich IV. einem vom König angestrebten Gerichtsverfahren entzogen hatte. Von daher darf 1415 als eines der wichtigeren Daten der habsburgischen Geschichte bezeichnet werden. Was damals genau geschah – dieser Frage war am Samstag eine Tagung am Rand der «Zankapfel Thurgau»-Ausstellung im Historischen Museum Thurgau gewidmet.

Landgericht neu in Konstanz

Stöckly analysierte die Vorgänge aus Thurgauer Sicht. Aus dieser Perspektive passierte 1415 eigentlich nicht viel. Das Wichtigste war die Entfremdung des Landgerichts von der Landvogtei. «Mit der Wegnahme des Landgerichts, das eigentlich der einzige Pfeiler der Macht im Thurgau war», heisst es in Stöcklys Vortragsmanuskript, «waren die Habsburger praktisch aus der Region entfernt und es gelang ihnen in der Folge nicht mehr, die Landeshoheit über den Thurgau zu gewinnen». Sigmund verpfändete am 20. Oktober 1417 das Landgericht samt der Vogtei Frauenfeld und dem Wildbann für 3100 Gulden an die Stadt Konstanz. Friedrich IV. erhielt zwar 1418 die Vogtei Frauenfeld und andere Besitztümer zurück, nicht aber das Landgericht. Dieses hatte sich zuvor jeweils in der Umgebung von Winterthur versammelt, unter anderem bei der Laube im Kurzdorf bei Frauenfeld. Die Stadt Konstanz holte es vor die eigenen Mauern, wo es circa alle drei Wochen tagte. Das Landgericht stellte eine begehrte Einnahmequelle dar. Nun kassierte Konstanz die vom Gericht verhängten Bussgelder.

Nicht betroffen von diesen Veränderungen blieb aber die niedere Gerichtsbarkeit. Dazu gehörten Delikte wie Holz-, Feld- und Wildfrevel, auch Nachbarschaftskonflikte, Grundstücksstreitigkeiten und Eigentumsfragen. Verhandelt wurden sie in den über 100 kleinen Gerichtsherrschaften. Die Inhaber waren einflussreiche Herren wie der Bischof von Konstanz, die Äbte von St. Gallen, Kreuzlingen, Fischingen, Rheinau, andererseits Städte wie Zürich, St. Gallen und Stein am Rhein. Zu den Gerichtsherren, die auch die Polizeigewalt ausübten, gehörten ausserdem adlige Familien wie die Klingenberg, Hohensax, Bussnang, Spiegelberg und die Schenk von Castell.

Die Bewohner der Landgrafschaft Thurgau lösten ihre Probleme weiterhin vor dem niederen Gericht ihrer Herrschaft, zahlten der lokalen Kirche den Zehnten und dem Leibherrn die Abgaben. Erst wenn es ums Blutgericht oder um eine Appellation ging, kam das Landgericht ins Spiel.

Doch in dieser Zeit setzte die Herausbildung des Thurgaus in den heutigen Grenzen ein. Auch begann eine Entwicklung, die den Thurgau zur gemeinen Herrschaft der Eidgenossenschaft werden liess. Um ihre Hochgerichtsbarkeit gegenseitig auszuscheiden, legten Zürich und Konstanz mit den Verträgen von 1427 und 1432 die Grenze im Südwesten des Thurgaus fest. Als die Eidgenossen 1460 den Thurgau eroberten, behielt Konstanz das Landgericht. Erst der Basler Frieden, der den Schwabenkrieg von 1499 beendete, brachte den zehn am Krieg beteiligten eidgenössischen Orten das Landgericht ein.

Gerichtsherren halten sich

Die Gerichtsherren formierten sich im Lauf des 15. Jahrhunderts als eigener Stand. Die Eidgenossen anerkannten ihre Interessenvertretung 1509 mit dem Gerichtsherrenvertrag.

Doris Stöckly Historikerin (Bild: pd)

Doris Stöckly Historikerin (Bild: pd)