«Haben von den Katholiken gelernt»

Mit Ostern gebe Gott zu verstehen, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, sagt Christina Aus der Au. Die reformierte Theologin spricht über Schoggihasen, die Osternest-Suche und dass man traurig sein darf. Und die Frauenfelderin begrüsst es, dass ihre Kirche bei der Spiritualität aufholt.

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Christina Aus der Au: «Glauben kann man nicht beweisen.» (Bild: Reto Martin)

Christina Aus der Au: «Glauben kann man nicht beweisen.» (Bild: Reto Martin)

Für viele Menschen ist Ostern ein Frühlingsfest mit Schoggihasen und bunten Eiern. Wie feiern Sie Ostern?

Christina Aus der Au: In unserer Familie gibt es selbstverständlich auch Hasen und bunte Eier. Für mich gehört jedoch auch dazu, dass ich am Karfreitagsgottesdienst und an der Osternacht teilnehme, um dann zum fröhlichen Gottesdienst am Ostersonntag vorzustossen.

Sie sind in Märstetten aufgewachsen. Können Sie sich an ein österliches Kindheitserlebnis erinnern?

Aus der Au: Meine Mutter hat immer Osternester versteckt. Das Lustige daran war, dass sie an Orten, wo wir das Nest vergebens vermuteten, Zettel deponierte, auf denen stand: «Aber doch nicht hier!» Fast sind diese Zettel für uns Kinder wichtiger geworden als das Nest selbst.

Wie erklären Sie sich, dass für viele Osternester und Hasen wichtiger sind, als in die Kirche zu gehen?

Aus der Au: Ich denke nicht, dass Osternester und Hasen wichtiger sind. Aber viele haben wahrscheinlich gar keinen Bezug zur Geschichte Jesu. Zudem fühlen sich manche Menschen vom Gottesdienst nicht angesprochen. Vor allem der Karfreitag, an dem es um das Sterben Jesu am Kreuz geht, ist ein schwierig zu vermittelnder Tag. Mit einem fröhlichen Gottesdienst am Ostermorgen, an dem gefeiert wird, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, mit dem können wahrscheinlich mehr Leute etwas anfangen.

Ihren Bezug zum Ostergeschehen kann man derzeit im Kino sehen. Sie kommen in «The Making of Jesus Christ» zu Wort. Erfahren wir in diesem Film Neues?

Aus der Au: Nein, der Film erzählt eine alte Geschichte. Doch Regisseur Luke Gasser erzählt diese alte Geschichte in neuen Bildern. Eindrücklich an diesem Film ist, dass er konsequent die Menschlichkeit Jesu hervorhebt. Jesus wird in seiner ganzen Menschlichkeit gezeigt, und dies an all den Orten, an denen er gelebt hat. Gedreht wurde hauptsächlich in Israel. Zum Ausdruck kommt auch seine Ambivalenz. Er kann auch mal ruppig sein, kurz angebunden und schlecht gelaunt. Und doch hat der Regisseur am Anspruch festgehalten, zu zeigen, dass an Jesus mehr dran sein muss. Er wird der Grundaussage der Theologie, dass Jesus ganz Mensch gewesen ist und sich in ihm dennoch Gott auf eine ganz besondere Art und Weise manifestiert hat, gerecht.

Wie wird Jesu Auferstehung im Film umgesetzt?

Aus der Au: Den auferstandenen Jesus sieht man nicht. Aber man sieht das leere Grab und die Jünger – offen für Interpretationen.

In der Bibel spielen die Frauen im Ostergeschehen eine grosse Rolle.

Aus der Au: Das ist auch im Film so. Es sind die Frauen, die zuerst am Grab sind. Die männlichen Jünger schauen ins leere Grab, sehen, dass nichts drin ist und gehen wieder heim. Weil die Frauen bleiben, sind sie auch die ersten, die den Auferstandenen sehen. Sie sind am Grab geblieben, um zu weinen. Sie zeigen, dass man traurig sein darf, wenn man etwas verloren hat, dass Trauer und Gefühle zulässig sind.

Sieht man diese Emotionen im Film von Luke Gasser?

Aus der Au: Man sieht im Film die Trauer über den Tod, aber auch die Auferstehung Jesu gespiegelt im Gesicht der Frauen.

Welche grundlegende Botschaft sehen Sie in Ostern?

Aus der Au: Vor der Auferstehung kommt ja zuerst der Karfreitag. Am Sterben, am Tod von Jesus ist für mich nicht zentral, dass er für unsere Sünden gestorben ist. In Jesus ist Gott Mensch geworden und zwar ganz konsequent bis zum Tod. Jesus hat sich nicht vorher davongestohlen. Das Besondere an Ostern ist nun, dass Gott mit der Auferstehung zu verstehen gibt, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Für Gott gibt es nie ein Ende. Es geht weiter.

Es gibt also ein Leben nach dem Tod.

Aus der Au: Ja. Es gibt ein Leben nach dem Tod. Ich verstehe dies jedoch nicht als Wiedergeburt, wie sie in östlichen Religionen vorkommt. Das Leben nach dem Tod ist nicht ein Weiterleben, sondern ein Auferstehen. Ich glaube, dass es etwas gibt, das über das irdische Leben hinausgeht.

In den meisten Religionen führt die Mystik den Menschen durch das Vergängliche zum Ewigen. Bezüglich Spiritualität ist die reformierte Kirche sehr nüchtern.

Aus der Au: Von unserer Tradition her haben wir natürlich ein schwieriges Verhältnis zur Spiritualität, weil schon Luther und Zwingli meinten, sich gegen Schwärmer abgrenzen zu müssen. Die Reformatoren hatten Angst, dass die Schwärmer zu viel Unruhe bringen könnten. Deshalb haben sie ihre Frömmigkeit sehr ans Wort, ans biblische Wort gebunden. Aber wir haben inzwischen auch von den Katholiken und den Mystikern und Mystikerinnen gelernt. Es gibt in unserer Kirche eine Ausbildung zum Spiritual und in Zürich zum Beispiel eine Fachstelle für Spiritualität. Wir haben die Spiritualität lange vernachlässigt, wir sind dran, aufzuholen.

Sie befassen sich als Theologin auch mit den Neurowissenschaften. Hier behaupten einige Vertreter, der Glaube sei im Gehirn angelegt.

Aus der Au: Natürlich ist es so, dass alles, was wir denken, planen oder fühlen, eng mit dem Gehirn zusammenhängt. Bei allen Aktivitäten ist das Gehirn beteiligt, und deshalb ist es keine Überraschung, dass entdeckt wurde, dass das Gehirn auch aktiv ist, wenn wir beten, meditieren oder Gottesdienst feiern. Dann zu sagen, seht, hier ist jetzt der Glaube, das ist für mich ein Kurzschluss. Hinzu kommt, dass Neurowissenschafter gar nicht genau definiert haben, was sie unter Glauben verstehen. Glauben ist etwas, das man nicht beweisen kann, sondern etwas, das man erfährt. Man kann ihn nicht beobachten. Das ist wie mit der Liebe. Die kann man auch nicht beweisen, sondern nur erleben.

Was kann man denn konkret an Ostern erfahren?

Aus der Au: Ostern wird es für einen Menschen, wenn er mit Tod und Verzweiflung konfrontiert ist und dann erfährt, dass auch sein Stein weggerollt wird.

Interview: Inge Staub

Der Film «The Making of Jesus Christ» läuft am Karsamstag und am Ostermontag um 17 Uhr im Cinema Luna in Frauenfeld.

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