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Guntershausen: Wiege einer Heldin

BERG. Sie sperrten sie ein, beschimpften sie als Lesbe und versuchten, Caroline Farner zu vernichten: Doch die Thurgauer Frauenrechtlerin hat nie aufgegeben und ist 1892 gegen einen chauvinistischen Oberrichter, eine mächtige Tageszeitung und die Zürcher Justiz angetreten.
Marc Engelhard
Die alte Mühle in Guntershausen: Hier ist Caroline Farner vor über 150 Jahren aufgewachsen. (Bild: Reto Martin)

Die alte Mühle in Guntershausen: Hier ist Caroline Farner vor über 150 Jahren aufgewachsen. (Bild: Reto Martin)

Caroline Farner sitzt in einer kleinen, dunklen Zelle im Zuchthaus in Oettenbach. Wasser tropft von der Decke auf ihr Notizheft, in das sie schreibt: «Bei strömendem Regen werde ich ins Selnau geführt; meine zwei Getreuen warten im strömenden Gusse blass.» Farner ist die zweite Ärztin der Schweiz, die erste Frau, die eine Allgemeinpraxis eröffnet. Sie behandelt regelmässig Mittellose umsonst, gibt die ersten Samariterkurse und präsidiert den Frauenbund. Caroline Farner kämpft für die Rechte der Frauen. Und sie sitzt im Gefängnis – unschuldig.

Am 12. September 1892 verhaftet die Polizei Farner und ihre Freundin Anna Pfrunder. Es ist der Beginn eines beispiellosen Justizskandals, bei dem Caroline Farner mit jenem Selbstbewusstsein auftritt, mit dem die Frauen gestern am Frauenstreiktag für ihre Rechte eingetreten sind.

Heimweh nach Guntershausen

Zur Welt kommt Caroline Farner im Juni 1842 in Guntershausen bei Berg. Ihrem Vater gehört dort eine Mühle und eine Sägerei. Caroline Farner wächst in der Mühle auf. Als 10-Jährige zieht sie zu Verwandten nach Stein am Rhein und besucht eine Privatschule. Doch sie bricht ab: Zu stark ist das Heimweh nach Guntershausen, dem Ort, der ein Leben lang ihre unvergessene Heimat bleiben wird.

Und trotzdem: Spuren hat Farner in Guntershausen kaum hinterlassen. Während in Zürich eine Strasse nach ihr benannt ist, sucht man eine solche im Ort vergebens. Auch wohnen keine Nachfahren Farners mehr dort. Einzig die Mühle steht noch, wenn auch nur zum Teil. Darin wohnen Esther und Joachim Schütz. Sie wissen, dass Caroline Farner früher in ihrem Haus gelebt hat. Das haben sie von ihrem Nachbarn Hermann Schenk erfahren. Der 80-Jährige ist der Dorfchronist, wohnt schon sein ganzes Leben in Guntershausen. In dicke Bändern hat er alte Fotos des Orts geklebt und Zeitungsartikel geheftet. Er sorgt dafür, dass Caroline Farner in Guntershausen nicht vergessen wird.

Erzfeind aus Tägerwilen

Ein paar Kilometer entfernt von Guntershausen, in Tägerwilen, ist Albert Wittelsbach aufgewachsen. Er ist der Mann, der Caroline Farner und Anna Pfrunder zu Fall bringen möchte. Denn er will an das Geld, dass Annas Vater der Familie vererbt hat.

Anna Pfrunder lernt Caroline Farner in ihrer Praxis kennen. Die beiden ziehen zusammen und kümmern sich gemeinsam um eine Nichte und einen Neffen von Pfrunder. Der Oberrichter Wittelsbach ist Annas Schwager, gehört zur Zürcher Oberschicht, hat viele Freunde. So gelingt es ihm, Farner und Pfrunder ohne Beweise vor Gericht zu ziehen. Er wirft ihnen vor, Mündelgelder veruntreut zu haben. Im Prozess schreckt er vor nichts zurück, will den Ruf der Frauen vernichten und beschimpft sie als Lesben.

Wittelsbachs Einfluss reicht bis in die Redaktion der NZZ. Diese trägt die Rufmordkampagne in die Schweiz hinaus. Farner schreibt nach der Verhaftung: «Ach, der unendliche Schimpf, den mir die N. Zürcher-Zeitung mit ihrem gehässigen Bericht angetan hat und der nun in die weite Welt hinauswandert.» Die meisten Zeitungen folgen der NZZ, die TZ hingegen berichtet neutral. Obwohl mit Wittelsbach, der NZZ und grossen Teilen der Oberschicht alles gegen sie spricht, Farner kämpft – und wird freigesprochen. Ihr Sieg spaltet die Gesellschaft, dringt bis ins Ausland hindurch: Frauenrechtlerinnen aus der ganze Welt gratulieren ihr.

1913 stirbt Caroline Farner, zwölf Jahre später folgt ihr Anna Pfrunder. Die Frauen vermachen ihr grosses Vermögen zum Teil der Anna Caroline Stiftung, die damit fortan und auch heute noch mittellose Studentinnen unterstützt.

«Typisch Thurgauerin»

Viele Fakten aus dem Leben Caroline Farners hat Rosemarie Keller zutage gefördert. Die Aargauer Autorin hat das Buch «Ich bereue keinen meiner Schritte» über Farner verfasst. Keller schwärmt von Caroline Farner: «Sie war kein Opfer, sie hat gekämpft.» Dieses neue Selbstbewusstsein sei das grosse Erbe, das Caroline Farner der Frauenrechtsbewegung hinterlassen habe.

Rosemarie Keller ist sich sicher, dass diese Selbstsicherheit Farners mit ihrer Herkunft zu tun hat. Kellers Mutter ist Ostschweizerin und auch sie sei kämpferisch und spontan gewesen. Deshalb meint Keller: «Caroline Farner war eine typische Thurgauerin.»

Caroline Farner war Thurgauerin. (Bild: pd)

Caroline Farner war Thurgauerin. (Bild: pd)

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