GUNTERSHAUSEN: Kein bisschen müde

Seit fast einem halben Jahrhundert führt Werner Haller seinen eigenen Coiffeursalon. Dort ist die Zeit scheinbar stehen geblieben.

Kurt Lichtensteiger
Drucken
Teilen
Coiffeur Werner Haller pflegt den Bart eines Kunden. (Bild: Kurt Lichtensteiger)

Coiffeur Werner Haller pflegt den Bart eines Kunden. (Bild: Kurt Lichtensteiger)

Kurt Lichtensteiger

hinterthurgau@thurgauerzeitung.ch

Das Interieur der beiden abgetrennten Salons für Damen und Herren stammt aus der Mitte ­ des vergangenen Jahrhunderts. Dunkle Holzschränke, sechs alte Friseurstühle aus Metall und Leder, noch mit Aschenbecher bestückt, sowie zwei schwenkbare Lavabos füllen den Raum. Auch wenn das eine oder andere etwas Patina angesetzt hat, so wirken die Instrumente und das Mobiliar gepflegt.

Der Salon ist fast so wie eine Oase der Ruhe, wo man sich entspannt zurücklehnen und die Hektik des Alltags vergessen kann. Bei offenem Fenster ist das Gurgeln der nahen Lützelmurg zu hören. Aber nur dann, wenn aus dem Radio nicht gerade Volksmusik ertönt, denn diese ist Werner Hallers Lieblingsmusik. Der 69-Jährige ist nämlich leidenschaftliches Mitglied im Jodelclub Weinfelden und Organisator von «Stubeten».

Wer eine gute Nase hat, der registriert zudem die Düfte von Haarlack und Rasierwasser. Früher roch es nach «Pitralon» und «Old Spice»; heute geht man etwas zurückhaltender mit diesen Geruchswässern um. Werner Haller, der im Jahr 1964 seine Lehrzeit angetreten hat, ist seinem angestammten Beruf stets treu geblieben. Nach verschiedenen Stationen ist er auf der Suche nach einer eigenen Liegenschaft im Jahr 1979 in Guntershausen fündig geworden. Hier schneidet er seit 38 Jahren wie schon sein Vorgänger die Haare. Das Rasieren als solches kommt nur noch selten vor. In der Ära elektrischer Rasierapparate nehme sich kaum jemand Zeit für ein Ritual, das mehr als nur Bartpflege ist. «Vielleicht kommt es zu einer Renaissance», meint Haller. «Immerhin kommen Voll- und Dreitagebärte wieder in Mode und Barbershops gelten wieder als trendig», so der Fachmann.

Etwas zittriger sei er schon als früher, doch verletzt oder gar geschnitten habe er noch niemanden, versichert Haller. «Für mich waren Frisieren und Rasieren Beruf und Berufung. Ja, das Massieren von Schultern, Nacken und Kopf haben wir auch noch gelernt, doch zur Anwendung gelangen diese Therapien nur noch selten. Haare waschen, schneiden und frisieren sind heute meine Hauptaufgaben, die ich gerne erledige», sagt er. Die Schere ist sein wichtigstes Utensil. Sich als Coiffeur selbst bewerben braucht er jedoch nicht, denn er begnügt sich mit einer langjährigen Stammkundschaft, die auf das Beständige und die Gewohnheit Wert zu legen scheint.

Nicht nur Barbier, sondern auch Seelsorger

Das Telefon läutet. Werner Haller nimmt ab und vereinbart einen Termin mit einem Kunden. «Während ich meine Arbeit verrichte, reden manche ihren Ärger von der Seele, andere sagen kaum ein Wort.» Mit der Zeit kenne man die Leute und wisse, was sie wollen. Wichtig sei, dass man gut zuhöre und auf die persönlichen Wünsche eingehen könne. Viel Persönliches sei in den Jahren an ihn herangetragen worden. «Lustiges, Trauriges und Tragisches. Grabe ich in meinem Erinnerungsvermögen, so könnte ich Anekdoten an Anekdoten reihen», so das Urgestein. So etwa, wie er schon oft abgelehnt habe, jungen Leuten die Haare umzufärben, weil es den Haaren nicht gut tue und es sowieso nicht gut komme. Meistens habe er mit seinen Ratschlägen recht behalten. «Der Coiffeurberuf ist zudem besonders speziell, denn bei wenigen Berufen ist die körperliche Nähe so ausgeprägt wie in unserem Beruf», verdeutlicht Haller.

Stünde er heute wieder vor der Berufsentscheidung, so würde er wieder genau das Gleiche lernen. Ans Aufhören denke er fast überhaupt nicht. Die Schere und den Kamm beiseite legen und aufgeben werde er erst, wenn die Gesundheit die Ausübung des kundennahen Berufs nicht mehr erlaube, sagt Werner Haller, dem die Haare wegen der sich allmählich nähernden Pensionierung noch lange nicht zu Berge stehen.