GUNTERSHAUSEN: «Ich wusste mich zu wehren»

Aus finanziellen Überlegungen hatte sich die Berlinerin Sandra Berger auf einen temporären Jobwechsel eingelassen. Nach vier Wochen im fasnächtlich dekorierten «Lupo’s Bahnhöfli» ist sie zufrieden.
Kurt Lichtensteiger
Friseuse Sandra Berger servierte einen Monat lang an der Hinterthurgauer Beizenfasnacht. (Bild: Kurt Lichtensteiger)

Friseuse Sandra Berger servierte einen Monat lang an der Hinterthurgauer Beizenfasnacht. (Bild: Kurt Lichtensteiger)

Kurt Lichtensteiger

hinterthurgau@thurgauerzeitung.ch

Im «Bahnhöfli» in Guntershausen herrscht am späten Nachmittag so etwas wie Kehrausstimmung. Nur noch einige Stunden sind die drei leicht beschürzten Frauen gefordert, ehe sie nach Hause aufbrechen können.

Eine von ihnen, Sandra Berger, ist über eine Agentur nach Guntershausen gekommen – ein ihr bis anhin unbekannter Ort, der nicht einmal einem Zürcher SBB-Mitarbeiter geläufig war. Mit dessen Hilfe landete die Berliner Friseuse dann aber doch noch am vereinbarten Ort im Hinterthurgau, wo sie mit anfänglich gemischten Gefühlen ihre vorgesehene Arbeit als Servierfräulein rechtzeitig antrat (unsere Zeitung berichtete).

Sie scheinen etwas müde zu sein, was ja durchaus verständlich ist.

Sandra Berger: Es geht so. Na klar habe ich während 33 Tagen gearbeitet, mal anstrengend, dann wieder weniger, je nach Anzahl der Gäste. Ich konnte jeweils bis gegen Mittag schlafen und drei freie Tage einziehen. Zudem hat es uns im Hause an nichts gefehlt. Wir fühlten uns gut aufgehoben. Lupo hat das Herz auf dem rechten Fleck.

Gestatten Sie uns die Frage zu Ihrem Verdienst: Sie gingen im Vorfeld davon aus, das Dreifache ihres monatlichen Friseusenlohnes in Berlin zu verdienen.

Das ist auch eingetroffen, vielleicht ist es sogar mehr nach Abzug der Quellensteuer, die Lupo entrichten muss. Ich bin voll zufrieden mit dem Verdienst und wie wir aufgenommen wurden. Nicht einmal Kost und Logis wurden uns verrechnet.

Wie ist es Ihnen gelungen, die Gunst der Gäste für sich zu gewinnen?

Meine Devise lautete: Sei freundlich zu den Kunden, dann sind sie es auch zu dir. Und damit bin ich gut gefahren.

Dann haben Sie sicher auch Einladungen bekommen.

Drinks sind mir offeriert worden. Und natürlich habe ich diverse Einladungen erhalten – ein- und zweideutige. Angenommen habe ich keine. Lieber wollte ich in der wenigen Freizeit mit meiner Freundin ausgehen und auch vermeiden, bei einem Ausgang falsche Hoffnungen zu wecken.

Ist es denn nie zu Grenzüberschreitungen gekommen? Will heissen, dass Sie nie betatscht wurden oder Ihnen jemand an den Po gegriffen hat? Es wird ja immer wieder kolportiert, dass in der Fasnacht die Zügel etwas lockerer in den Händen gehalten werden und anzügliche Bemerkungen an der Tagesordnung sind.

Wissen Sie, Andeutungen und Versuche gab es schon in dieser Richtung. Aber ich wusste mich zu wehren und die Grenzen aufzuzeigen. Da genügte ein Blick oder allenfalls eine Bemerkung. Ich war mir bewusst, dass in der Fasnachtszeit die Sitten etwas weniger streng sind und man deshalb auch nicht so überempfindlich reagieren muss. Kommt dazu, dass nach Alkoholkonsum die Zunge etwas lockerer sitzt. Das muss man aushalten können, lüsterne Blicke inklusive.

Vielleicht hat die Me-too-Debatte geholfen, dass Frauen etwas mehr Respekt entgegengebracht wird. Glauben Sie, dass dadurch ein Wertewandel eingetreten ist, die Gesellschaft sensibler und reaktiver auf Belästigungen geworden ist?

Das kann ich nicht beurteilen. Dafür bin ich zu jung. Ich bin aber in Berlin aufgewachsen, da ist man sich einiges gewohnt. So gesehen ist das hier die heile Welt.

Sie haben also die Schweiz und die Schweizer schätzen gelernt?

Das ist durchaus der Fall. Die Schweizer, oder um präziser zu sein, die Restaurantgäste hier, waren sehr nett. Deshalb fällt mir der Abschied von den Stammgästen gar nicht so leicht, wie man denken könnte. Mit der Zeit habe ich auch etwas Dialekt gelernt. Vom Land habe ich leider kaum etwas gesehen, denn dafür fehlte mir die Zeit. Ich hoffe, dass ich dies zu einem späteren Zeitpunkt nachholen kann. Darauf freue ich mich. Aber natürlich auch darauf, in Berlin meine Angehörigen und Bekannten bald wieder zu sehen.

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