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GROSSER RAT: Auf Nimmerwiedersehen, Parlament

Die Zahl der vorzeitigen Rücktritte aus dem Thurgauer Kantonsparlament nimmt zu. Nicht dramatisch, aber stetig. Vor allem Frauen werfen auffallend häufig das Handtuch und kehren schon nach kurzer Zeit der Kantonalpolitik den Rücken.
Christian Kamm
Männer bleiben länger auf dem Parlamentarierstuhl sitzen als Frauen: Grosser Rat. (Bild: D. Caspari)

Männer bleiben länger auf dem Parlamentarierstuhl sitzen als Frauen: Grosser Rat. (Bild: D. Caspari)

Christian Kamm

christian.kamm@thurgauerzeitung.ch

16, 20, 24, 26: Die Zahl der vorzeitigen Rücktritte von Kantonsrätinnen und Kantonsräte entwickelte sich in den vier Amtsperioden seit dem Jahr 2000 beständig nach oben. Und in der laufenden Legislatur 2016 bis 2020, deren Halbzeit Ende Mai erreicht ist, haben bereits wieder zwölf kantonale Parlamentarierinnen und Parlamentarier ihren Sessel geräumt. Der allgemeine Trend zeigt also nach oben, wenn auch angesichts der insgesamt 130 Sitze im Grossen Rat noch nicht dramatisch. Mehr zu denken geben muss hingegen die Tatsache, wer vor allem die politischen Segel frühzeitig streicht: Es sind überproportional viele Frauen.

Hier haben Frauen die Mehrheit

Das gilt für die laufende Amtsperiode mit nicht weniger als fünf Frauen unter den bis heute zwölf Abgetretenen. Dazu muss man wissen, dass bekanntlich nur jedes vierte Mitglied des Grossen Rates eine Parlamentarierin ist. Dieses Geschlechterungleichgewicht spitzt sich weiter zu, wenn man die vorangegangene Legislaturperiode 2012 bis 2016 ebenfalls in die Rechnung mit einbezieht. Zusammengenommen haben demnach seit 2012 36 Grossratsmitglieder dem Parlament während der Amtszeit den Rücken gekehrt: 17 Männer stehen einer erstaunlichen Mehrheit von 19 Frauen gegenüber. Das heisst nichts anderes, als dass der Frauenanteil bei diesen Rücktritten doppelt so hoch ist wie die Frauenqoute im Grossen Rat.

Doch nicht nur dass die Frauen weitaus häufiger den politischen Bettel hinwerfen, sticht ins Auge, sondern auch: wie schnell sie das oft tun. Von den 19 zurückgetretenen Frauen seit 2012 war rund ein Drittel (6) drei Jahre oder weniger im Amt. Zum Vergleich: Unter den 17 Männern war das nur einer. Das führt dann auch zum Resultat, dass Parlamentarier zum Zeitpunkt des Rücktritts im Schnitt 10 Jahre Kantonsrat gewesen sind, die Parlamentarierinnen aber durchschnittlich lediglich sieben Jahre.

«Das sind erstaunliche Zahlen», kommentiert SP-Präsidentin Nina Schläfli (Kreuzlingen) diese Befunde. Und auch ernüchternde, «weil wir offenbar in diesem Bereich nicht viel weiter gekommen sind». Frauen leisteten immer noch den grössten Anteil an der Familien- und Erziehungsarbeit. «Kommt dann noch etwas Zusätzliches wie die Politik hinzu, bringt dies das Fass zum Überlaufen», vermutet Schläfli, die seit 2016 selber im Grossen Rat sitzt. Die SP-Fraktion hat neben der CVP den Löwenanteil unter den gesamthaft 35 Abgängen zu verzeichnen (je 9).

Was tun? Die SP-Präsidentin will den Hebel bei der beruflichen und familiären Belastung von Frauen ansetzen. Sie fordert etwa mehr Schulen mit Tagesstrukturen und den Ausbau von Krippenplätzen. «Dann liegt vielleicht auch noch ein politisches Engagement drin.»

CVP-Fraktionschef Ulrich Müller (Weinfelden) startet seinen Erklärungsversuch ebenfalls beim Umstand, dass «die verfügbare Zeit von Frauen mit Familie um einiges kleiner ist als bei den Männern». Männer könnten die zusätzliche zeitliche Belastung durch die Politik besser bewältigen, weil mit der Frau jemand da sei, der ihnen helfe und zu Hause den Rücken frei halte.

«Politik ist zu wenig lässig»

Die Belastungsfrage spiele bereits bei der Kandidatinnensuche eine Rolle, sagt Schläfli. «Gerade wenn man jüngere Frauen zwischen 30 und 40 gewinnen will.» Denkbar sei auch, dass sich relativ schnell eine gewisse Ernüchterung über die Realpolitik einstelle, sagt Müller. «Oder man merkt: Es geht zeitlich halt doch nicht.» Kitas seien sicher ein Mittel, um den Frauen Spielraum zu verschaffen, so Müller. «Allerdings können wir ja nicht extra eine Grossrats-Kita einrichten.»

Dazu hält der CVP-Fraktionschef, der seit bald zwei Jahrzehnte im Thurgauer Grossen Rat sitzt und in dieser Zeit schon viele hat kommen und gehen sehen, auch eine psychologische Hürde für möglich. In seinem eigenen Umfeld beobachte er jedenfalls, dass Frauen sich zwar in diversen Organisationen und Vereinen engagierten, bei der Politik dann aber abwinkten: «Lieber nicht!» Es gebe da eine Hemmschwelle, «weil man die Politik einfach zu wenig lässig findet».

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