Gnadenlos auf dem Gnadensee

BERLINGEN. Sie rasen, halten nicht genug Abstand und erzeugen hohe Wellen: Zu viele Wassersportler gebärden sich auf dem Gnadensee wie Rowdies. Der Bodensee-Motorboot-Verband steuert mit Information und Kontrolle dagegen.

Gudrun Enders
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Dieser Bootsführer donnert auf dem Gnadensee ungebremst auf ein Schlauchboot zu und rast dann vorbei. (Bild: Seedienst IBMV)

Dieser Bootsführer donnert auf dem Gnadensee ungebremst auf ein Schlauchboot zu und rast dann vorbei. (Bild: Seedienst IBMV)

Auf dem Gnadensee geht es mitunter gnadenlos zu. Deshalb könnte dieser Teil des Untersees, der zwischen der Insel Reichenau, Allensbach, Radolfzell und der Halbinsel Höri liegt, womöglich für Wasserskifahrer und Wakeboarder gesperrt werden. Erst im vergangenen Jahr stellte die Gemeinde Reichenau so einen Antrag, der aber von der Internationalen Schifffahrtskommission für den Bodensee abgelehnt wurde. Ob das Thema damit vom Tisch ist, entscheiden die Wassersportler mit ihrem eigenen Verhalten.

Deshalb tritt nun der Internationale Bodensee-Motorboot- Verband in dieser Saison auf den Plan und verteilt auf dem Gnadensee eine kleine Broschüre mit dem Titel «So bitte nicht». Darin sind die wichtigsten Regeln und Verhaltensweisen erklärt.

Schweizer genauso betroffen

Auch Schweizer Wassersportler hat man im Visier, denn diese steuern den Gnadensee auf deutscher Seite gerne an. 45 Boote vom Schweizer Ufer hatte IBMV-Vorstandsmitglied Mario Cattarozzi vom Ermatinger Bootsclub allein innerhalb einer Stunde am Burggraben – ein Zugang am Reichenauer Inseldamm zum Gnadensee – gezählt. Was ihn am meisten erschreckte: «Davon konnten gerade einmal zwei Skipper seitlich anlegen, um die Broschüre in Empfang zu nehmen.» Da fehle es an elementaren Kenntnissen.

Der IBMV ist übrigens Dachverband von 29 Clubs und Vereinen und hat 3500 Mitglieder. Seit über 40 Jahren leistet der IBMV ehrenamtlich Seedienst. Dieser Dienst hilft in Seenot Geratenen und ermahnt Bootsführer bei Verstössen. In dieser Saison ist der IBMV-Seedienst verstärkt auf dem Gnadensee unterwegs.

Dort sind zwei Gruppen besonders problematisch – die Bootstouristen und die Wassersportler, für die extra Wellen mit einem Motorboot erzeugt werden wie beim Wakeboarden. Von der letzten Gruppe lebt das Boarderhouse in Berlingen. Die Inhaber Esther und Reto Studerus kennen das Problem seit Jahren und zu Genüge. «Wir fahren deshalb vor Berlingen, wann immer es geht», sagt Reto Studerus. An den Wochenenden herrsche aber in der Regel derart starker Bootsverkehr, dass auch er in den Gnadensee ausweichen müsse. Dann achte er unter anderem über Tageszeit und Fahrtechnik darauf, die Störung möglichst gering zu halten. Problematisch sei, wenn ungeübte Wassersportler mit ihrem Boot etwa im Kreis oder im Zickzackkurs fahren – und das am Ende noch zu schnell und zu nah am Ufer. Deshalb bietet Studerus an, dass sich Wakeboarder bei ihm Tips holen können. Denn: «Wenn einer falsch fährt, macht er den See für alle kaputt.»

Die ungeübten Wassersportler fallen oft in die Kategorie Bootstouristen. Sie reisen mit ihrem Boot an, lassen es an den Slipanlagen in den Untersee und düsen los, ohne Ahnung von den Regeln, die auf dem Bodensee zu beachten sind. Bis zu 500 solcher Boote gelangen an einem Wochenende allein in den Untersee, schätzt Jürgen Schmitz, Präsident des Motoryachtclub Radolfzell. Deshalb will die IBMV ihren Flyer auch gezielt an Slipanlagen und Anlaufstellen für Touristen auflegen.

Bevor der Naturschutz greift

Der Vorstoss der Gemeinde Reichenau ist zwar vom Tisch. «Aber der Untersee ist auch die Wiege des deutschen Naturschutzes», gibt Gerhard Herr als IBMV-Mediensprecher zu bedenken. Schliesslich liegen die drei sehr bedeutenden und über 75 Jahre alten Naturschutzgebiete Mettnau, Mindelsee und Wollmatinger Ried am Gnadensee oder in direkter Nachbarschaft. Vor dem Wollmatinger Ried ist das Flachwasser schon seit Jahren geschützt. Noch ein Grund mehr, auf dem Gnadensee fair unterwegs zu sein.

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