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GLEICHSTELLUNG: Chefinnen sind Mangelware

Der Anteil Frauen, die in der kantonalen Verwaltung im oberen Kader arbeiten, ist verschwindend klein. Expertinnen fordern Massnahmen, die in der Praxis greifen. Der Kanton Thurgau verweist auf den hohen Frauenanteil in der gesamten Verwaltung.
Sabrina Bächi
Führungspositionen sind überwiegend Männersache. (Bild: Gaëtan Bally/KEY)

Führungspositionen sind überwiegend Männersache. (Bild: Gaëtan Bally/KEY)

Sabrina Bächi

sabrina.baechi@thurgauerzeitung.ch

Frauen regieren die Welt. Oder auch nicht. In der Berufswelt blicken Frauen, vor allem Mütter, in den meisten Fällen zu einem Mann als Vorgesetztem hoch. Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen: In der Schweiz gibt es mehr Männer in Führungspositionen als Frauen. Deutlich mehr. Auch in der kantonalen Verwaltung finden sich sehr wenige Frauen in Führungspositionen.

Doch das Positive vorab: Nirgendwo in der Schweiz ist der Anteil Frauen in der Kantonsregierung so hoch wie im Thurgau – nämlich 60 Prozent. Nur die Waadt reicht uns mit 57 Prozent fast das Wasser. Im Thurgauer Kantonsrat ist der Anteil Frauen deutlich tiefer. Nur ein Viertel der Volksvertreter im Grossen Rat ist weiblich. Dabei stellt die SVP für ihre 44 Sitze nur fünf Frauen, also elf Prozent. In den kantonalen Ämtern ist der Schnitt noch tiefer. In den 41 kantonalen Ämtern finden sich lediglich drei Amtsleiterinnen. Das entspricht sieben Prozent. Zählt man Generalsekretärinnen und Betriebsleiterinnen dazu, verdoppelt sich die Prozentzahl. Dann kommen auf die insgesamt etwa 65 Führungskaderpositionen zehn Frauen.

Weder für SP-Kantonsrätin Barbara Kern noch für Antonella Bizzini von der Fachstelle Frau und Arbeit ist die tiefe Zahl an Amtsleiterinnen eine Überraschung. Die Werthaltung im Thurgau, sagen die Expertinnen, sei mehrheitlich traditionell geprägt. Das ist jedoch nicht der einzige Grund, weshalb so wenige Frauen in der kantonalen Verwaltung Führungspositionen innehaben.

Frauen brauchen mehr Selbstbewusstsein

«Die Frauen hadern zu sehr mit sich selber», sagt Barbara Kern, Leiterin von Personal Thurgau. Männer trauten sich mehr zu und bewerben sich eher auf eine Stelle mit Leitungsfunktion. Die Folge: Treffen keine Bewerbungen von Frauen ein, kann der Kanton auch keine Frauen einstellen.

Das aber, sagt Antonella Bizzini, stimme so nicht. Ihre Erfahrung zeige, dass sich immer wieder Frauen in der kantonalen Verwaltung bewerben, jedoch nicht berücksichtigt würden. Gerade weil Frauen sich eine Bewerbung auf eine Arbeitsstelle mit Führungsfunktion sehr genau überlegten, passten ihre Bewerbungen meist zu 100 Prozent, sagt Bizzini.

Ein Hindernis, weswegen Frauen trotz passendem Profil nicht eingestellt werden, sieht Bizzini in der Familienplanung. «Noch immer wird das Kind primär der Frau als Mutter zugeschrieben.» Arbeitgeber gehen öfter davon aus, dass eher die berufstätige Mutter als der berufstätige Vater dafür zuständig sei, sich um ein krankes Kind zu kümmern – und deswegen öfter fehle. Ein Nachteil gegenüber Männern, die in der Arbeitswelt weniger als Elternteil wahrgenommen würden. «Frauen werden bei der Arbeit oft auf ihre Kinder angesprochen. Dem Vater gesteht man mehr Distanz zwischen Familie und Beruf zu», sagt sie.

Ihre Forderung ist klar: Es braucht eine fixe Männerobergrenze. So könnte man genau eruieren, welche Massnahmen nötig seien, um die Führungspositionen entsprechend zu besetzen.

Teilzeitarbeit auch den Männern zuliebe

Barbara Kern sieht noch andere Alternativen. Ihr liegt die fehlende Möglichkeit zum Jobsharing auch in Führungspositionen schwer im Magen. «Es sollte möglich sein, auch eine Amtsleitung in Stellenprozente zu teilen», fordert sie. Die Teilzeitarbeit würde auch den Männern zugute kommen. «Es gibt einige Männer, die gerne Teilzeit arbeiteten», ist sie sich sicher. Hier müsse der Kanton aktiver werden, allenfalls auch über die Kinderbetreuung nachdenken oder eine Gleichstellungskommission einführen. «Wir brauchen andere Arbeitsstrukturen», sagt Kern. Denn letztlich spiegle die Arbeitswelt nicht wider, dass es sehr viele gut ausgebildete Frauen gebe. Das finden Bizzini wie Kern bedenklich.

Linus Lüthold, Leiter des Personalamts, bestätigt das fehlende Teilzeitangebot bei Amtsleitern. «Im oberen Kaderbereich ist das noch absolut selten.» Den Frauenanteil beim Arbeitgeber Kanton stuft er als erfreulich hoch ein. Insgesamt liegt er in höheren Führungspositionen bei 27 Prozent. Kommen Führungs- und Fachkader zusammen, sind es gar 40 Prozent. «Der Kanton ist sehr offen für Frauen und freut sich, wenn der Anteil noch steigt.» Zudem könne es sein, dass im Zuge von Pensionierungen einiger Amtsleiter weitere Frauen hinzukämen.

Die Gesellschaft muss umdenken

Letztlich müsse aber auch die Gesellschaft an sich arbeiten, um Änderungen zu erreichen. «Frauen müssen sich gegen gesellschaftlichen Druck wehren, wenn sie berufstätig sind und Kinder haben», sagt Kantonsrätin Barbara Kern. Antonella Bizzini von der Fachstelle Frau und Arbeit sagt: «Die gesellschaftlichen Ansichten prägen auch die Arbeitgeber. Das ist nicht voneinander zu trennen.»

Denn weitere Recherchen zeigen: Abteilungsleiterinnen beim Kanton sind oftmals Leiterinnen des Sekretariats. «Das ist der Beruf, den man den Frauen typischerweise zugesteht», sagt Bizzini. Barbara Kern fordert mehr gesellschaftliche Aufklärung. «Es besteht akuter Handlungsbedarf.» Es sei wirtschaftlicher Blödsinn, wenn gut ausgebildete Frauen keine Leitungspositionen einnähmen. Aber die Frauen müssten auch wollen. Manche Arbeitgeber förderten Frauen mit speziellen Programmen seit Jahren, weiss Kern. Der Erfolg sei aber mässig. «Das beflügelt das konservative Gedankengut», sagt Kern.

Der Kanton als Vorreiter

Den Kanton als gutes Beispiel wünschen sich beide Expertinnen. Das Problem der fehlenden Frauen wird dort bereits seit Jahren besprochen. Konkrete Massnahmen blieben bisher jedoch aus, finden sie. Bei all den Frauen dürfe man die Männer nicht vergessen. Darin sind sich die Expertinnen ebenfalls einig. Mehr Frauen in Führungspositionen sei auch für die Männer gut.

«Die jungen Arbeitnehmer von heute haben das Bedürfnis nach mehr Flexibilität. Das sollten wir auf jeden Fall ernst nehmen und nutzen», sagt Antonella Bizzini. Es brauche Massnahmen, die es Müttern und Vätern, Frauen und Männern erlaubten, gleichermassen am Berufsleben und der Kinderbetreuung teilzunehmen.

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