Getarnt in Jacken und Platanen

Auf dem Oberen Mätteli in Frauenfeld hat am Freitagvormittag die Standartenübernahme der Kader und Rekruten der neuen Rekrutenschule stattgefunden. Als wäre die Sonne ein Scheinwerfer, leuchtet sie den Platz aus. Und zwar genau den Abschnitt, der leer steht – aber nicht mehr lange.

Katharina Brenner
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In Reih und Glied – über 400 Kader und Rekruten haben bei der Standartenübernahme auf dem Oberen Mätteli in Frauenfeld teilgenommen. (Bild: Reto Martin)

In Reih und Glied – über 400 Kader und Rekruten haben bei der Standartenübernahme auf dem Oberen Mätteli in Frauenfeld teilgenommen. (Bild: Reto Martin)

Auf dem Oberen Mätteli in Frauenfeld hat am Freitagvormittag die Standartenübernahme der Kader und Rekruten der neuen Rekrutenschule stattgefunden. Als wäre die Sonne ein Scheinwerfer, leuchtet sie den Platz aus. Und zwar genau den Abschnitt, der leer steht – aber nicht mehr lange. Auf dem schattigen Teil des Oberen Mättelis, vor dem Staatsarchiv, stehen zwei Panzer, dazwischen hängt eine grosse Schweizer Fahne. Darunter parkt ein kleiner olivgrüner Wagen. Klein wirkt er aber nur, weil er zwischen Panzern steht; immerhin hat er eine Ladefläche mit einem Rednerpult.

Das Militär-Arrangement besticht durch seine Symmetrie: Vor den beiden Panzern gibt es je eine Feuerschale. Hier wird Schulkommandant Oberst Markus Schmid später eine weisse Kerze entzünden. Der Docht wird erst nicht brennen wollen, Schmid wird die Kerze mehrmals über das Feuer halten und drehen, bevor sie aufflammt. Dann wird er sie in eine Laterne stellen – für sein Büro, wie er sagt. Die Kerze will er bei sich haben als ein Symbol für Sicherheit, Freiheit, Ordnung und Toleranz. Und als Erinnerung an die neuen Kader und Rekruten auf dem Waffenplatz.

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Die jungen Soldaten betreten das Obere Mätteli. Es ist kurz vor elf, rund 20 geladene Gäste haben sich vor den Panzern aufgestellt, das Veteranenspiel Thurgau spielt den «Mars der Medici». Die Musikanten sind im Takt, die Kader und Rekruten nicht ganz. Einige müssen sich erst noch an das Marschieren in den Kampfstiefeln gewöhnen. Die 429 Männer und drei Frauen stellen sich in zwei Gruppen auf. Der Sonnenscheinwerfer leuchtet die Formation aus und im Hintergrund das goldbraune Laub der Platanen. Die Tarnung ist perfekt.

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Die Standartenübernahme ist schnell vorbei. Ein Feldweibel aus dem linken Teil der Gruppe trägt die Standarte, eine Schweizer Fahne an einem Holzstab. Er bringt sie nach vorne zu seinem Kommandanten Schmid. Der grüsst die Standarte, der Feldweibel dreht ab und stellt sich in die erste Reihe der rechten Gruppenhälfte.

Es folgt eine Begrüssung durch den Oberst. «Schauen Sie nach links und rechts oder nach hinten.» Köpfe bewegen sich nach links, nach rechts und nach hinten. «Das sind die Menschen, mit denen Sie die nächsten 19 Wochen zusammenarbeiten dürfen oder müssen.» Auch auf Französisch begrüsst Schmid die neuen Kader und Rekruten. Für ihn, il n'y a pas de Röstigraben.

Er werde oft gefragt, ob es diesen Anlass brauche, sagt Schmid. Seine Antwort lautet: «Wir dürfen uns nicht in der Kaserne verstecken. Wir müssen uns draussen zeigen.» Die Zeremonie hat fünf Zuschauer. Sie stehen am Geländer des Staatsarchivs. Nebenan bläst ein Mitarbeiter der Stadt in einer orangefarbenen Jacke Luft und rasselnde Geräusche aus einem Rohr in das Herbstlaub auf dem Boden.

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Auch Stadtpräsident Anders Stokholm begrüsst die Kader und Rekruten: «Wir freuen uns, dass Sie die Gelegenheit haben, die Stadt Frauenfeld kennenzulernen.» Das freut auch Oberst Schmid. Zum Dank lässt er das Thurgauerlied spielen. Einige der jungen Soldaten kramen Spickzettel für den Text hervor. Trotzdem öffnen sich nur vereinzelt und kaum merkbar Lippen und schliessen sich wieder. Manche der jungen Männer senken die Köpfe, gerade so tief, dass der Mund hinter dem Kragen der Tarnjacken verschwindet. Einer in der zweiten Reihe kaut Kaugummi. Bei der Nationalhymne am Ende ist die Textsicherheit dann grösser – alle singen mit.