Gesucht: Hauptsitz mit Seeblick

Die Wirtschaftsförderung begleitete zwischen 2000 und 2008 422 Unternehmen, die sich im Thurgau ansiedelten. Die Firmen kamen vor allem aus Deutschland und siedelten am liebsten im Bezirk Kreuzlingen.

Kaspar Enz
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Seit 2005 in Eschlikon: Die Corvaglia AG produziert mit 115 Mitarbeitern hier Flaschenverschlüsse für den europäischen Markt. (Bild: Ralph Ribi)

Seit 2005 in Eschlikon: Die Corvaglia AG produziert mit 115 Mitarbeitern hier Flaschenverschlüsse für den europäischen Markt. (Bild: Ralph Ribi)

frauenfeld. 100 Arbeitsplätze sollen in Tägerwilen entstehen, wenn die Von Roll Holding AG dort ihr Kompetenzzentrum für Solartechnologie aufgebaut hat. Doch die Von Roll ist nur ein Unternehmen unter vielen. Allein 422 Neuansiedlungen begleitete die Thurgauer Wirtschaftsförderung in den Jahren 2000 bis 2008. In einer Umfrage ging sie nun der Frage nach, wie sich diese Projekte entwickelten.

Hohe Überlebensrate

Noch 300 dieser Unternehmen waren 2008 im Thurgau. Das heisst zwar, dass einige der Projekte aufgelöst oder wieder weggezogen sind. Doch im Vergleich sind die Zahlen gut: 62,5 Prozent der begleiteten Firmen überlebten mindestens fünf Jahre. Weniger als die Hälfte aller neu im Thurgau niedergelassenen oder gegründeten Unternehmen, 48,5 Prozent, überlebten so lange.

«Unternehmen, die sich von uns begleiten lassen, sind meistens fundierter als der grosse Rest», sagt Edgar Sidamgrotzki, Chef des Amtes für Wirtschaft und Arbeit. Beim «grossen Rest» seien eben auch Gründungen in Branchen eingerechnet, in denen typischerweise tiefere Überlebenschancen bestünden, zum Beispiel in der Gastronomie. Doch auch die Beratung durch die Wirtschaftsförderung spiele eine Rolle, glaubt Sidamgrotzki.

Die 300 dieser Unternehmen, die 2008 noch im Thurgau waren, hatten 1920 Vollzeitstellen geschaffen und zahlten 120 Millionen Franken Löhne aus. Doch nicht nur die Beschäftigten dieser Firmen profitierten von den Neuansiedlungen. Die neuen Firmen vergaben 2000 bis 2008 Aufträge im Thurgau für 170 Millionen Franken, investierten 400 Millionen und zahlten 100 Millionen Franken in die Staatskasse ein.

Grosse Projekte wie das geplante Kompetenzzentrum der Von Roll stellen aber nur eine kleine Minderheit der neuen Thurgauer Unternehmen. Lediglich zehn beschäftigten Ende 2008 mehr als 40 Mitarbeiter, im Durchschnitt beschäftigten sie 6,4 Mitarbeiter.

Kontakte nutzen

Damit die Wirtschaftsförderung ein neues Unternehmen in den Thurgau lockt, es berät und begleitet, muss ein Kontakt mit der Firma bestehen. In knapp der Hälfte der Fälle kamen die Unternehmen selber auf die Wirtschaftsförderung zu.

Fast ebenso oft kamen die Kontakte durch Dritte zustande. «Es gibt viele Treuhandbüros und Anwaltskanzleien, die uns unterstützen», sagt Edgar Sidamgrotzki. Die Wirtschaftsförderung ist auch selber tätig. «Wir sind immer wieder an Messen und Events präsent.» Dort werden nicht nur direkt Kontakte geknüpft. Manchmal erfährt man dort auch die Adressen von Unternehmen, die beispielsweise einen Umzug planen. «Wenn man weiss, jemand ist auf der Suche, geht man den Adressen nach.»

Kreuzlingen am beliebtesten

In einer Beziehung ist die Von Roll typisch für die neu angesiedelten Unternehmen: Sie zieht in den Bezirk Kreuzlingen, wo die Wirtschaftsförderung am meisten Projekte begleitete: 145 der noch bestehenden 300 sind dort angesiedelt. Es folgen die Bezirke Frauenfeld mit 54, Arbon mit 23 und Steckborn mit 20 Projekten.

Ein Grund für die Beliebtheit Kreuzlingens dürfte seine Grenzlage sein: 60 Prozent der begleiteten Projekte haben ihre Herkunft in Deutschland. Dies habe sicher auch mit den bilateralen Abkommen zu tun, sagt Edgar Sidamgrotzki. Neu sei das allerdings nicht – auch Saurer wurde von einem Deutschen gegründet. «Innovation und Unternehmer aus Deutschland haben im Thurgau fast Tradition», sagt er.