Gesucht: Das Trauma in der eigenen Biographie

FRAUENFELD. Der Umgang und das Verarbeiten der Folgen von schwersten psychischen Traumata: Das ist Thema der Fachtagung, welche die psychiatrische Privatklinik Clienia Littenheid übermorgen Donnerstag in Frauenfeld ausrichtet. Die Organisatoren erwarten etwa 270 Ärzte und Psychologen im Stadtcasino.

Mathias Frei
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Elisabeth Möller, Chefärztin in Littenheid und Tagungsorganisatorin. (Bild: Mathias Frei)

Elisabeth Möller, Chefärztin in Littenheid und Tagungsorganisatorin. (Bild: Mathias Frei)

Nicht erst seit den Vorwürfen gegen die Klosterschule Fischingen sind sexueller Missbrauch und wiederholt körperliche Gewalt leider ein aktuelle Themen. Luftlinie keine fünf Kilometer von Fischingen entfernt liegt die Privatklinik Clienia Littenheid. Hier haben sich Ärzte schon vor zehn Jahren der strukturellen Dissoziation als Folge eines schweren psychischen Traumas angenommen.

Dieses Jubiläum und der Umstand, dass vergangenes Jahr in Frauenfeld eine sozialpsychiatrische Tagesklinik und ein Ambulatorium der Clienia eröffnet wurden, waren Gründe, dass die Privatklinik erstmals eine Fachtagung in der Thurgauer Kantonshauptstadt durchführt.

Littenheid hat Vorreiterrolle

Elisabeth Möller erwartet übermorgen aus der ganzen Schweiz 270 Ärzte, Psychologen, Fachtherapeuten, Pflegende in der Psychiatrie und auch Case-Manager von Versicherungen. Möller ist Chefärztin des Zentrums für Psychotherapie und Psychosomatik am Clienia-Standort Littenheid. «Wir gehörten schweizweit zu den ersten Kliniken, die gewagt haben, ein derartiges stationäres Angebot einzurichten», sagt Möller.

Ziel der Tagung sei es, dass die Teilnehmer «das Konzept der strukturellen Dissoziation in die Fachwelt hinaustragen», erklärt Organisatorin Elisabeth Möller. «Damit den Behandelnden präsent ist, dass dieses Phänomen existiert, damit Patienten richtig diagnostiziert und auch therapiert werden können.» Und am Ende habe eine Patientin endlich Gewissheit, worauf ihre Depression beruhe.

Eben solche Depressionen, Angstzustände, andere psychische Erkrankungen oder auch Körperliches wie unerklärliche Rücken- oder Unterleibsschmerzen können Anzeichen sein für eine strukturelle Dissoziation, wie Möller sagt.

Psychisches Notfallsystem

Am Anfang dagegen steht das Trauma. Als Kind wurde man vielleicht von einer nahestehenden Person sexuell missbraucht oder immer wieder schlimm verprügelt. «Hier schaltet sich ein psychisches Notfallsystem ein», erklärt Möller. Sie vergleicht es mit dem Umstand, dass man trotz gebrochenem Bein die Kraft hat, vor einem wilden Tier wegzurennen. Der Schmerz des Beinbruchs werde verdrängt. Bei einem schweren psychischen Trauma werden die Erinnerungen verdrängt respektive abgespalten und in einem anderen «state», also einem anderen Persönlichkeitszustand abgespeichert. Man glaubt, dass etwas gar nicht passiert ist oder nur ein Traum war. Dieses Phänomen bezeichnet man als strukturelle Dissoziation.

Grossvaters Haarpomade

Nun kann ein auslösendes Moment, ein Trigger, die strukturelle Dissoziation offensichtlich machen. Das kann ein einschneidendes Ereignis sein, zum Beispiel die Geburt des eigenen Kindes, oder auch nur der spezielle Geruch von Haarpomade, wie sie der Mann trug, der einen früher missbraucht hat.

«Menschen, die mit einer strukturellen Dissoziation zu uns kommen, befinden sich meist in einem schwierigen psychischen und sozialen Zustand», sagt Möller. Zuerst gehe es darum, den Patienten zu stabilisieren. «Ein Trauma ist gleichbedeutend mit ohnmächtigem Ausgeliefertsein. Die Kontrollfunktion muss deshalb wieder instand gestellt werden.» Und dann müsse das Trauma, sofern erinnerbar, in die eigene Biographie integriert werden. Die Patienten müssten lernen, bisherige Verknüpfungen – zum Beispiel wenn Berührung durch Mann, dann Angstzustand – aufzulösen. «Es müssen neue Muster etabliert werden. Das ist die grösste Arbeit», sagt Möller.

Koryphäe aus den Niederlanden

Nebst Referenten aus Bern, Littenheid und Salzburg tritt an der Tagung in Frauenfeld auch der Niederländer Ellert R. S. Nijenhuis auf. Er gilt als Mitbegründer der strukturellen Dissoziation. Wie Möller erklärt, hat Nijenhuis sein Konzept auch neurobiologisch belegt. Das heisst: Je nach Persönlichkeitszustand sind unterschiedliche Hirnareale aktiv.