Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

GESELLSCHAFT: Sozialhilfe im Thurgau: Mija will arbeiten

Mija Gallopeni ist Sozialhilfeempfängerin. Seit Jahren kämpft sie um eine Arbeit, mit der sie über die Runden kommt. Eine Teilzeitstelle beim Blaswerk Haag ist nun der erste Schritt, ihr Ziel zu erreichen.
Sabrina Bächi
Mija Gallopeni arbeitet Teilzeit bei der Firma Blaswerk Haag in Weinfelden. Sie stellt dort Rohre für den Posaunenbau her. (Bild: Thi My Lien Nguyen)

Mija Gallopeni arbeitet Teilzeit bei der Firma Blaswerk Haag in Weinfelden. Sie stellt dort Rohre für den Posaunenbau her. (Bild: Thi My Lien Nguyen)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier:<strong><em>www.tagblatt.ch/epaper</em></strong>

Mija träumt. Von einem Leben ohne Sorgen. Ein Leben mit einer guten Arbeitsstelle. Von einem Malatelier für Kinder. Von einer Zufriedenheit, die sie bis jetzt noch nicht kennt. Denn in der realen Welt ist die 41-jährige Kosovarin Sozialhilfeempfängerin. Doch in ihren dunklen Augen funkelt Entschlossenheit. Was sie will, ist arbeiten. Aber genau das ist ihr grösstes Problem. Seit elf Jahren lebt sie in der Schweiz. Wegen ihres Mannes hat sie die Heimat verlassen und ist in den Thurgau gekommen. Während fünf Jahren hat sie die vier Kinder ihres Mannes und später auch ihr eigenes versorgt. Als Hausfrau und Mutter einer siebenköpfigen Familie kam sie nicht in Kontakt mit Schweizern – sprach die ersten sechs Jahre kein Wort Deutsch. «Irgendwann habe ich meinem Mann gesagt, dass ich arbeiten will.» Darauf hat sie in einer Kaffeemaschinenfabrik gearbeitet. Dort allerdings eben so wenig Deutsch gesprochen wie zu Hause.

Eigentlich ist Mija Kunstlehrerin. Nach dem Gymnasium studierte sie Kunstgrafik im Kosovo. Danach unterrichtete sie während zweier Jahre Kunst an einem Gymnasium in der Nähe von Prizren. Die Chance, in der Schweiz eine vergleichbare Stelle zu finden, ist gleich null. Denn ihre Ausbildung ist in der Schweiz nicht anerkannt. Doch das spielt ihr keine Rolle. Sie will einfach arbeiten, auf eigenen Beinen stehen.

Endlich eine Stelle gefunden

Mittlerweile hat sie Deutsch gelernt, sich von ihrem Mann getrennt und lebt als alleinerziehende Mutter in Frauenfeld. Zehn Hüftoperationen hat die 41-jährige Frau schon hinter sich. Ein Leiden, das sie seit ihrer Kindheit plagt, machte die Operationen notwendig. Erst seit zwei Jahren lebt sie schmerzfrei. Die Scheidung und die gesundheitlichen Probleme führten aber dazu, dass sie von Sozialhilfe lebt – leben muss. Das will sie ändern. Den ersten Schritt dazu hat sie nun getan. Ihr Traum rückt näher. Zwei Tage in der Woche arbeitet sie in Weinfelden im Blaswerk Haag. Ihre Aufgabe: Rohre für den Posaunenbau begradigen und herzustellen. «Ich arbeite sehr gerne dort, die Mitarbeiter sind toll», sagt sie. Sie zeigt viel Einsatz, ist wissbegierig und gibt sich Mühe. «Arbeiten zu dürfen, macht mich glücklich.»

Die Teilzeitstelle beim Blaswerk hat ihr Andrea Nieländer von der Stiftung Zukunft Thurgau vermittelt. Nieländer arbeitet als Job-Coach bei Move, dem Angebot für Sozialhilfeempfänger. «Mija ist leider kein Einzelfall, aber ein sehr gutes Beispiel», sagt Nieländer. Sie zeige grossen Einsatz, um eine Arbeit zu finden. Die Gründe, weshalb eine gut ausgebildete Frau trotzdem keine Arbeit findet, mit der sie sich finanziell über Wasser halten kann, sind vielfältig. «Alleinerziehende haben es unglaublich schwer auf dem Arbeitsmarkt – egal ob Ausländer oder Schweizer, ob Frau oder Mann», sagt die Expertin. Wer jedoch die Sprache nicht beherrscht, hat so gut wie keine Chancen auf eine Anstellung. Das seien vor allem Frauen mit Migrationshintergrund, sind sich Gallopeni und Nieländer einig. Wenn die Frau zu Hause bleibt und für die Familie sorgt, führt das zu gesellschaftlicher Isolation. «Ein grosses Problem», meint Nieländer.

Kampf gegen schlechte Erfahrungen

Für eine erfolgreiche Arbeitsintegration sei die Offenheit des Arbeitgebers entscheidend. «Es ist wichtig, auch den Gewinn mit der Einstellung eines Sozialhilfeempfängers zu sehen.» Zudem kämpfen Sozialhilfeempfänger wie Mija Gallopeni auch immer gegen schlechte Erfahrungen der Arbeitgeber und grundsätzliche Vorurteile an.

Viele Sorgen plagen die Kosovarin. Dabei kämpft sie nur für einen Traum, der für viele schlicht und einfach Alltag ist: Arbeiten, integriert und unabhängig sein. Sie kann ihre Verzweiflung und die Angst, dieses Ziel nicht zu erreichen nicht immer hinter ihrem Lächeln verbergen. Andrea Nieländer aber glaubt fest daran, dass Mija Gallopeni einst eine Stelle findet, die ihr zu ­Unabhängigkeit verhilft. Dafür brauche es Arbeitgeber, die ­Verständnis für die Situation von Sozialhilfeempfängern und eine Grundakzeptanz für Men­schen mit Migrationshintergrund ­haben. «Wir sind noch nicht am Ziel, aber Mija ist eine Kämpferin.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.