Geschichten in luftiger Höhe

FRAUENFELD. Der Stählibuck-Turm ist nicht nur Frauenfelds Aussichtspunkt, sondern heuer auch ein Ort für besondere Erlebnisse. Den Auftakt zu einer Event-Serie machte Buchhändlerin Marianne Sax mit einer Lesung auf der Turmspitze.

Evi Biedermann
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Im Rücken die grossartige Weitsicht: Buchhändlerin Marianne Sax liest auf dem Stählibuck-Turm aus Dürrenmatt'schen Werken. (Bild: Evi Biedermann)

Im Rücken die grossartige Weitsicht: Buchhändlerin Marianne Sax liest auf dem Stählibuck-Turm aus Dürrenmatt'schen Werken. (Bild: Evi Biedermann)

Es ist ein Donnerstagabend, wie man ihn sich im April für einen Ausflug auf den Stählibuck-Turm nicht besser wünschen kann: mild, sonnig und wolkenlos. Etwa 40 Personen sind gekommen, um mehr über den 107jährigen Stahlriesen zu erfahren, als sie bereits wissen. Der Verein Tourismus Regio Frauenfeld als Eigentümer stellt den imposanten Aussichtsturm heuer ins Zentrum seiner Aktivitäten und hat zum ersten von drei Anlässen eingeladen.

Die Frauenfelder Stadtführerin Andrea Hofmann und Marianne Sax vom gleichnamigen Bücherladen in der Vorstadt werden «Gschichte zum Turm» erzählen und lesen, die eine während des Aufstiegs, die andere auf dem Turmspitz. Alle Augen richten sich nach oben, als die Stadtführerin dies erwähnt. «Isch cheibe hoch, de Turm», denken sich wohl die älteren Semester unter den Teilnehmern. Ist man noch schwindelfrei?

Frauenfelder Firma im Abseits

148 Tritte gilt es zu überwinden. Um oben ein Gedränge zu vermeiden, erfolgt der Aufstieg in zwei Gruppen. Während sich die Wartenden unten die Zeit mit Glühmost und Früchtebrot vertreiben, klingen in den Ohren der Erstbesteiger die Worte von Andrea Hofmann nach. Der Stählibuck-Turm ist mit seinen 26,8 Metern einer der höchsten und ältesten Stahlfachwerk-Türme der Schweiz.

Erbaut wurde er im Jahr 1908 von einer Firma aus Näfels. Gemäss der Stadtführerin hatte auch das Frauenfelder Baugeschäft der Gebrüder Freyenmuth eine Offerte eingereicht. Diese beinhaltete jedoch einen armierten Betonturm und war mit 16 000 Franken um 6700 Franken teurer als jene aus Näfels. Die effektiven Kosten von 12 000 Franken wurden schliesslich von allen möglichen Stellen zusammengetragen. Für den Transport der schweren Einzelteile vom Bahnhof Frauenfeld zum Stählibuck hoch bot der Verkehrsverein Frauenfeld, Initiant des Turmbaus, die Pferdebesitzer von Dingenhart auf. «Entlöhnt wurden sie nicht, doch sie konnten aushandeln, dass der Transport erst nach der Heuet stattfand», erklärt Andrea Hofmann.

Blick zum Säntis

Nach einer kurzen Verschnaufpause auf dem Mittelbödeli geht's an die letzten 50 Stufen. Die Bäume schwinden langsam aus der horizontalen Sicht, der Griff ums Treppengeländer wird fester, die Schritte verlangsamen sich, und die Menschen verstummen. Oben wartet Marianne Sax bereits mit einem Buch auf die Ankömmlinge. Doch deren Aufmerksamkeit gilt vorerst dem überwältigenden Panorama. Im Süden grüsst der tiefverschneite Säntis, gegen Westen glitzert die Thur, und nordostwärts verliert sich der Blick in einer sanften Hügellandschaft.

Braucht es denn jetzt überhaupt noch eine Geschichte? Für die einen schreibt die Buchhändlerin selber Geschichte, indem sie sich schwups aufs Treppengeländer setzt und damit die Vorsichtigen zum Schaudern bringt. Andere hören aufmerksam zu, wovon Dürrenmatt im «Turm zu Babel» erzählt. Ein paar wenige lassen den Blick in die Ferne schweifen. Was zählt, ist jetzt allein, dass man den Stählibuck-Turm neu oder überhaupt entdeckt hat.

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