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GERICHTSFALL: Ferien auf Türkisch

Eine kurdische Familie fährt vollbeladen aus der Türkei zurück in die Schweiz. Der Vater soll versucht haben, zehn Kilo Heroin in die Schweiz zu schmuggeln. Die Drogen spielen beim Tötungsdelikt Kümmertshausen eine Rolle.
Ida Sandl

Ida Sandl

ida.sandl@thurgauerzeitung.ch

Aisha (Name geändert) ist eine Tochter, die man sich wünscht. Höflich, gescheit und hübsch mit ihren langen schwarzen Haaren. Mit zehn Jahren kam sie aus der Türkei in die Schweiz, jetzt ist sie 27 und diplomierte Pflegefachfrau. Ihre Mutter ist Analphabetin. Müslüm D., der Vater, ist psychisch angeschlagen. Ein türkischer Kurde, der als Flüchtling anerkannt ist. In Kreuzlingen steht er seit Ende Februar vor Gericht. Er soll mit drei weiteren Beschuldigten am gewaltsamen Tod des IV-Rentners aus Kümmertshausen beteiligt gewesen sein.

Die Tötung wird in diesem Monsterprozess erst im September verhandelt. Jetzt muss sich Müslüm D. wegen Drogen vor den Richtern verantworten. Er habe Heroin in den Strassen von St. Gallen verkauft, wirft ihm ein Mitangeklagter vor: Yilmaz B., der Kronzeuge, auf dessen Aussagen sich ein Grossteil der Anklage stützt.

Yilmaz B. sagt aus, sein früherer Kollege Müslüm D. habe im Sommer 2010 zehn Kilo Heroin aus der Türkei in die Schweiz geschafft. Das Heroin soll später der IV-Rentner bei sich in Kümmertshausen versteckt haben. Er habe sich dann geweigert, es wieder herauszugeben und dazu mit der Polizei gedroht. Das sei sein Todesurteil gewesen.

Müslüm D. bestreitet, dass er Heroin aus der Türkei geschmuggelt habe. Es sei ein Familienbesuch gewesen. Drei Kinder, zwei davon behindert, und seine Frau sassen mit ihm im Opel Zafira. Auch Tochter Aisha, damals Anfang 20. Das Gericht hat sie nun als Zeugin geladen. In akzentfreiem Schwiizerdütsch schildert sie die bizarre Rückfahrt. Zum ersten Mal nach seiner Flucht sei ihr Vater 2010 wieder in der Türkei gewesen. Grund war der Tod seiner Mutter.

Die Reifenpanne im Niemandsland

Die Rückreise war schlecht organisiert. Der Vater habe jemanden gesucht, der auch Richtung Schweiz fahre. Wenn man die Route nicht kenne, sei es gefährlich. Weil er niemanden gefunden habe, seien sie alleine los. Nach Istanbul gab das Navi den Geist auf. «Es hiess immer nur: Kehren sie um. Kehren sie um.» Sie fuhren weiter. Mitten in der Nacht, wohl in den bulgarischen Bergen, hatten sie einen platten Reifen. «Der Pneu hat fast geraucht.» Eiskalt sei es gewesen, kein Handy-Empfang, heulende Wölfe. Die Familie sass im Auto, habe sich unter dem mitgenommenen Teppich verkrochen.

Irgendwann sei ein Auto aufgetaucht. «Wie von Gott geschickt», sagt Aisha. Der Mann habe ein paar Brocken Türkisch und ein wenig Italienisch gesprochen. Er habe ihnen einen Pneu gebracht, der habe aber nicht gepasst. Dann habe er einen Automechaniker geholt.

Nachdem der Pneu gewechselt war, seien sie praktisch durchgefahren bis zur Schweizer Grenze. Vier Tage. Der Vater habe nur kurz gestoppt, um sich ein paar Stunden auszuruhen, er könne ohne Medikamente nicht schlafen. Nachts habe er nie angehalten. «Es werden immer wieder Leute ausgeraubt.» Die Kinder und die Mutter hätten während der Fahrt geschlafen.

An der Grenze von Österreich zur Schweiz wurde der Opel gestoppt. Die Zöllner fanden an den Händen des Vaters und des Sohnes Spuren von Kokain. Daraufhin nahmen sie das Auto auseinander. Sie durchsuchten alles, auch die Päckchen mit den Pinien- und den Sonnenblumenkernen. Was vorher millime­tergenau eingezwängt war, sei danach kreuz und quer herumgelegen. «Wir hatten fast keinen Platz mehr im Auto.»

Vater und Sohn wurden in Handschellen abgeführt. Die Frauen seien einzeln durchsucht und befragt worden. Die Schwester und die Mutter hätten geweint. Wenn sie sage, wo die Drogen seien, bekomme sie keine Strafe, habe ihr der Zollbeamte versprochen. Aisha beteuert: «Aber ich wusste von nichts.»

Die Beamten fanden keine Drogen, nach vier Stunden konnten sie weiterfahren nach St. Gallen. «Wir waren wie in einer Schockstarre.»

Was die Familie nicht wusste: Die Grenzwächter hatten den Tipp mit dem Herointransport von Yilmaz B. bekommen. Er verdingte sich damals als Informant für die Polizei. Nachdem die Grenzwächter nichts fanden, erklärte Yilmaz B., Müslüm D. habe vor der Grenze das Heroin umgeladen in das Auto eines Albaners. Aisha sagt, sie wisse nichts von einem Albaner. «Wir haben in Österreich nie angehalten.»

Für den Staatsanwalt ist ­Aisha als Zeugin nicht viel wert. Sie wisse zu viel über den Fall. Tatsächlich hält sie in der Familie die Fäden in der Hand. Sie übersetzt die Schreiben des Verteidigers für die Eltern und auch die Briefe des Vaters an den Anwalt. Aisha besitzt auch die Vollmacht für die Bankkonten ihrer Eltern und der behinderten Geschwister. Ob sie gewusst habe, dass ihr Vater Kokain konsumiert, wird sie gefragt. Sie habe es vermutet, antwortet sie. Sie habe auch gehört, dass er Geld beim Pokern verloren habe. Davon, dass er mit Drogen gehandelt habe, wisse sie aber nichts. Der Vater sei nicht so sparsam gewesen wie sie oder die Mutter, sagt Aisha. Deshalb habe die Familie Land in der Türkei gekauft, damit er das Geld nicht ausgeben konnte.

Erstaunlich flüssig für eine arme Familie

Für den Staatsanwalt geht die Rechnung nicht auf. Er fragt sich, warum Yilmaz B., der Kronzeuge, der Polizei den falschen Tipp mit dem Heroin hätte geben sollen. Es falle auf ihn zurück, wenn nichts gefunden werde. Ausserdem sei die Familie von Müslüm D. «erstaunlich zahlungskräftig», gemessen an ihrem Einkommen. Die Eltern leben von Ergänzungsleistungen, trotzdem haben sie Grundstücke in der Türkei gekauft, dazu einen Audi A6 und einen A4. «Edelkarossen», sagt der Staatsanwalt.

Der Verteidiger hält dagegen, dass es sich um Occasionsautos handle. «Man muss den Familienverband anschauen.» Die Autos gehörten der ältesten Tochter und ihrem Mann und seien teils mit Krediten von anderen Verwandten finanziert worden. Die Familie lebe sehr bescheiden. Kronzeuge Yilmaz B. habe einen Sündenbock gebraucht, um von sich abzulenken. «Der naive Gelegenheitsdrögeler Müslüm D. sei ein dankbares Opfer gewesen.» Urteile werden erst nächstes Jahr fallen.

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