GERICHT: «Wo ist die Glatze?»

Die Verhandlung im Fall Kümmertshausen wird fortgesetzt. Diesmal geht es um Geschäfte mit Kokain, offene Rechnungen, gewaltsame Geldbeschaffung und Zeugen, deren Gedächtnis sie bei konkreten Fragen im Stich lässt.

Ida Sandl
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Ein Nachmittag am Bommer Weiher

Ein Nachmittag am Bommer Weiher

Ida Sandl

ida.sandl@thurgauerzeitung.ch

Der Zeuge ist ein seriöser junger Mann, von Beruf Maschinenführer. 25 Jahre alt, kariertes Hemd, militärgrüne Jacke. Das Bezirksgericht Kreuzlingen hat ihn vorgeladen, es geht um einen Nebenaspekt im Mammutprozess Kümmertshausen, um Drogen und Erpressung. Nur vier Angeklagte sind betroffen, drei von ihnen sitzen bereits in Haft und müssen deshalb bei der Verhandlung Fussfesseln tragen. Zu ihnen gehört auch Nasar M., der als Boss einer Bande kurdischer Türken gilt, die von St. Gallen aus ihre kriminellen Geschäfte organisiert haben soll. Einigen von ihnen wird vorgeworfen, am gewaltsamen Tod eines 53-jährigen IV-Rentners in Kümmertshausen beteiligt gewesen zu sein. Doch darüber wird erst im Herbst verhandelt.

Gestern ging es um Kokain. Der junge Mann erzählt von der Zeit vor sechs Jahren, in der er täglich schnupfte. Das Koks habe er sich vor allem von Schwarzafrikanern, aber auch von den kurdischen Türken beschafft. Die Umschlagplätze waren Rheineck und Diepoldsau. Er redet nicht gerne über die Zeit. Das sei vorbei, er habe ein neues Leben begonnen.

Als Zeugen sind auch zwei Türken aus Innsbruck geladen. Es sind Freunde, die bei der St. Galler Bande Schulden hatten. Osman S., einer der Angeklagten, soll den Freunden im Frühjahr 2011 etwa 50 Gramm Kokain übergeben haben, später noch einmal 70 Gramm für die polnische Geliebte des einen. Der Plan war, das Koks weiterzuverkaufen und vom Erlös die alten Schulden zu bezahlen. Doch statt damit zu dealen, habe er mit der Polin Party gemacht, das erzählt der Zeuge, der mehr Schulden und damit auch mehr Probleme hatte. Ein Zwei-Meter-Schrank, der als Türsteher jedem Club Ehre machen würde. Nach einer Woche habe er weder Kokain noch Geld gehabt.

Das rief Osman S. und Nasar M., bekannt als «der Syrer», auf den Plan, die öfters in Innsbruck auftauchten. Einmal sei Nasar M. am Arbeitsplatz erschienen, habe randaliert und geschrien: «Wo ist die Glatze?» Das habe ihn seine Stelle gekostet, sagt der Zeuge. Nasar M. habe auch gedroht, den Sohn des Schuldners zu entführen. Nicht ganz schlüssig sind die Aussagen darüber, wie heftig die Einschüchterung war. Der Satz «Ich bin Kurde, und mein Freund ist Kurde» von Nasar M. habe schon gereicht, um Angst zu verbreiten. In Innsbruck habe es nur geheissen, «die Leute von der PKK sind da». Der zweite Zeuge schildert eine Parkplatzszene, in der sein Freund mit Pistole erschienen sei. Nasar M. habe dann einen Baseballschläger aus dem Auto holen wollen. Der Freund sei aber zuvor abgehauen.

Der Kronzeuge als Auskunftsperson

Als Auskunftsperson ist auch einer der Beschuldigten geladen: Yilmaz B., der sogenannte Kronzeuge. Er schildert, wie er geholfen habe, 80 Kilo Streckmittel in einen Keller in Herisau zu laden. Yilmaz B. relativiert die Aussagen, die er vor fünf Jahren gemacht hat. Es sei ihm damals psychisch nicht gut gegangen. Er habe nicht zwischen Tatsachen und Vermutungen unterschieden. Als der Richter nachfragt, ob er das richtig verstanden habe, lenkt Yilmaz B. ein. Für die Vermutungen habe es schon kon­krete Hinweise gegeben. Das Gericht hat für die Drogengeschäfte und die Erpressungen drei weitere Tage reserviert.