Georg Kreis zieht kritische Bilanz der 15er-Jubiläen

ROMANSHORN. Das Jahr der 15er-Jubiläen neigt sich dem Ende zu. Der Basler Historiker Georg Kreis zog bei einem gut besuchten Vortrag im Museum Romanshorn eine kritische Bilanz.

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Georg Kreis Vertreter einer säkularen Geschichtsbetrachtung. (Bild: Kurt Peter)

Georg Kreis Vertreter einer säkularen Geschichtsbetrachtung. (Bild: Kurt Peter)

ROMANSHORN. Das Jahr der 15er-Jubiläen neigt sich dem Ende zu. Der Basler Historiker Georg Kreis zog bei einem gut besuchten Vortrag im Museum Romanshorn eine kritische Bilanz.

Morgarten 1315: Dieses Jubiläum sei vor allem in den Kantonen Zug und Schwyz gefeiert worden, sagte Kreis. Morgarten gelte als erste Freiheitsschlacht der Eidgenossenschaft. Als solche sei sie nicht in Abrede zu stellen, doch weder sei bekannt, wo genau sie stattgefunden, noch wer genau daran beteiligt gewesen sei.

Das Ereignis war laut Kreis «Teil eines Fehdenkrieges, der von 1310 bis 1320 permanent Überfälle, Diebstahl und Brandstiftung gebracht hat». Für die Habsburger sei die Schlacht ohnehin nur ein Nebenschauplatz gewesen. Doch «Morgarten ist ein wichtiger Punkt in der politischen Wertung zur Gründung der Eidgenossenschaft». Mit dem Ereignis begründeten rechtsbürgerliche und nationale Politiker ihre «Alleingangpolitik».

Dasselbe treffe auf die Schlacht von Marignano 1515 zu: «Dieses Ereignis wird kontrovers diskutiert, denn es ist die Frage, ob hier der Wendepunkt zum neutralen Kleinstaat gesetzt wurde.» Nach Meinung von Kreis ist dies nicht der Fall. Aber der Mythos werde für die Politik eingesetzt.

Der Wiener Kongress von 1815, fast vergessen im Jubiläumsjahr, habe grossen Einfluss auf die Schweiz gehabt. Die europäischen Mächte hätten die Neutralität anerkannt, die Landesgrenzen sowie den Bestand der Kantone bestätigt. Völlig ausgeblendet werde, dass die Eidgenossenschaft zum damaligen Zeitpunkt nahe an einem Bürgerkrieg gewesen sei. Die Beschlüsse des Wiener Kongresses hätten Ordnung gebracht.

Für Kreis gibt es zwei analytische Geschichtstypen: Die sakrale Betrachtungsweise, die das Zeitlose, das Mythische in den Vordergrund stellt, und die säkulare Sichtweise, die rekapituliert und Rechenschaft abgibt. «Die diesjährigen Jubiläen entsprechen der sakralen Sichtweise, es sind Selbstläufer mit Wiederholungszwang.» Jubilieren sei Pflicht. An diversen Veranstaltungen sei die Bekräftigung der alten Einsichten gepflegt worden. Das sei kein Wunder, wenn sich selbst Bundesrat Alain Berset nicht auf die Seite der Wissenschaft stelle. (kp)