Gemischten Salat mit Multikulti, bitte

Stokholm: So heisst Frauenfelds neuer Chef. Am langen Tisch wird gelacht. «Stockholm ist doch die Hauptstadt von Schweden?» Es ist eine fröhliche, fast zwanzigköpfige Runde an diesem Nachmittag im Quartiertreff Talbach. Alle sitzen im gleichen Boot: Sie wollen ihr Deutsch verbessern.

Mathias Frei
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Im Deutsch-Café: Zwei Teilnehmerinnen schlagen etwas in einem Buch nach. Im Hintergrund Moderatorin Jutta Looser (Mitte). (Bild: Mathias Frei)

Im Deutsch-Café: Zwei Teilnehmerinnen schlagen etwas in einem Buch nach. Im Hintergrund Moderatorin Jutta Looser (Mitte). (Bild: Mathias Frei)

Stokholm: So heisst Frauenfelds neuer Chef. Am langen Tisch wird gelacht. «Stockholm ist doch die Hauptstadt von Schweden?» Es ist eine fröhliche, fast zwanzigköpfige Runde an diesem Nachmittag im Quartiertreff Talbach. Alle sitzen im gleichen Boot: Sie wollen ihr Deutsch verbessern. Und gut, wenn man auch weiss, wer Chef im Rathaus ist.

Aus Schweden ist niemand dabei, dafür Menschen aus Italien, Eritrea, Thailand, Japan, Rumänien, Irak, Sri Lanka, Serbien, Madagaskar oder Mexiko. «Hier ist die Welt versammelt», sagt Yvonne Heuscher. Sie ist Präsidentin des Vereins Bibliothek der Kulturen (BdK). Jeden Montagnachmittag ab 13.45 Uhr trifft sich ebendiese Welt zum Deutsch-Café am Talbachkreisel. Ein paar Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind Stammgäste, jedes Mal kommen aber auch neue.

Eine Hilfe zur Integration

«Es gibt Frauen, die mir erzählen, dass sie daheim keine Gelegenheit haben, deutsch zu sprechen», sagt Yvonne Heuscher. Der Ehemann ist tagsüber bei der Arbeit, die Kinder sprechen schon zu gut deutsch. Das Deutsch-Café springt hier in die Bresche. Seit zwei Jahren kann man sich hier treffen, sich ungezwungen unterhalten – und zwar auf Hochdeutsch. «Das Deutsch-Café ist explizit kein Deutschkurs, sondern ein niederschwelliges Angebot, um learning by doing den Wortschatz zu erweitern und Informationen zum Alltag in der Schweiz auszutauschen», erklärt die BdK-Präsidentin. Eine Integrationshilfe.

Sprache als Schlüssel

Jedes Deutsch-Café wird moderiert. Diesmal übernimmt das Alfred Bloch, schulischer Heilpädagoge, mittlerweile pensioniert. Ihm zur Seite steht die pensionierte Primarlehrerin Jutta Looser. Nebst Bloch und Looser gibt es noch fünf weitere ehrenamtliche Moderatorinnen. Das Interesse am interkulturellen Austausch motiviert sie. Aktive Integration der Migranten, das finde er wichtig, sagt Bloch. Die Sprache sei der Schlüssel dazu. «Unser Ziel ist es, die Leute möglichst viel reden zu lassen.»

Im Deutsch-Café ist man per Du. «Hallo Abrehet, wie geht es dir?», begrüsst Bloch eine Frau aus Eritrea. Ihr Sohn macht sich sofort über die Spielzeugkiste her. Als Nächstes kommt Jelena aus Serbien. Auch nach 13.45 Uhr treten noch Leute durch die Glastür. Schliesslich sind es elf Frauen und acht Männer.

Auch die TZ wird gelesen

«Lest ihr auch Zeitung?» Auf Blochs Einstiegsfrage melden sich einige. Eine Frau zählt die TZ auf, «20Minuten» und die «Frauenfelder Woche». Schlagzeilen, dass sich Ausländer in der Schweiz um ihre Integration bemühen oder wie «Die Schweiz ist ein multikultureller Mischsalat» würden die Anwesenden gerne einmal in der Zeitung lesen.

Nach dem Beginn im Plenum teilt man sich in Gruppen auf und spricht über wichtige Orte in Frauenfeld: das Rathaus, das Schloss, die Post, das Regierungsgebäude. Die Moderatoren müssen flexibel sein. Einmal kommen acht Teilnehmer, ein anderes Mal sind es vielleicht 25.

Die Angst vor dem Postschalter

In den Kleingruppen werden die Gespräche flüssig. Daniela aus Rumänien erzählt von Rathäusern in ihrer alten Heimat. Eine Japanerin, eine Thailänderin und ein Mann aus Sri Lanka hören aufmerksam zu, machen sich Notizen. Wer etwas nicht verstanden hat, fragt nach. Der Mann aus Sri Lanka muss sich noch ab und zu mit Englisch behelfen.

In einer anderen Gruppe berichtet eine Mexikanerin von einer spanisch sprechenden Postangestellten und nimmt einer Frau aus Syrien die Angst. «Nach dem zehnten Mal auf der Post, weisst du, wie es läuft.» Das Deutsch-Café erfülle nicht zuletzt eine soziale Funktion, sagt Präsidentin Yvonne Heuscher. «Bis nächsten Montag», verabschiedet man sich am Schluss. Und jeder dieser Weltfamilie geht wieder seiner Wege.