Gemeinden fischen im trüben

Am 1. April tritt die revidierte Arbeitslosenversicherung in Kraft. 180 ausgesteuerte Personen sollen dann mit einem Mal im Thurgau Fürsorgegelder beziehen. Die Gemeinden warten ratlos ab.

Cathrin Michael
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frauenfeld. Was ab dem 1. April auf die Thurgauer Gemeinden zukommt, scheint den meisten Beteiligten unklar. Die Leiterin der Sozialdienste Frauenfeld, Anneliese Zingg, sieht die Revision der Arbeitslosenversicherung kritisch: «Ich habe den Kanton gefragt, was das konkret für uns bedeutet, aber wir fischen nach wie vor im trüben.» Sie rechnet mit rund 20 ausgesteuerten Personen, welche sich im Verlaufe des Aprils anmelden würden.

Der Aadorfer Gemeindeammann Bruno Lüscher doppelt nach: «Wir erhalten keine Meldung, wer ausgesteuert wird. Erst wenn es an der Türe klopft, wissen wir es.» Da nütze die beste Vorbereitung wenig. In Weinfelden und Bischofszell heisst es, für konkrete Zahlen sei es noch zu früh. Turi Schallenberg, Leiter Sozialhilfe Weinfelden, teilt aber mit, dass er nicht mehr Antragssteller für Sozialhilfe beobachtet habe.

Kein Weg führt zu ALV zurück

«Wir haben weder mehr Personal eingestellt, das Budget angehoben noch Krisenszenarien entworfen», erklärt Christian Hug, Leiter der Sozialdienste in Romanshorn. Die in Aussicht gestellte finanzielle Unterstützung des Kantons nehme er dankend entgegen. Er warne jedoch vor zu hohen Erwartungen, da sie auf maximal zwei Jahre befristet sei. Bislang hätten die Gemeinden Ausgesteuerte in ein Beschäftigungsprogramm schicken können, wo sie Lohn erhalten hätten, um danach wieder ALV-Gelder beziehen zu können. Das sei künftig nicht mehr möglich. Alle subventionierten Integrationsprogramme bieten keinen Weg mehr zurück in die Arbeitslosenversicherung.

In der Zentrumsgemeinde Arbon sind 65 ausgesteuerte Personen registriert. Die Sozialfirma Dock beschäftigt 82 Personen, wie Hans-Jörg Fenner, Leiter der Abteilung Soziales, erzählt. Es sei «völlig unberechenbar», wie viele Personen ihre Berechtigung zum Bezug von ALV-Geldern verlören, der Gemeinde zur Last fielen und Antrag auf Sozialhilfe stellen würden. Man gehe von etwa 40 Fällen aus, die alle bei «Dock» plaziert werden könnten. «Wenn sich das Übergangsmodell bewährt, sollte es in einer gescheiten Form weitergeführt werden können.»

Keine Auszahlungsstelle werden

Der Leiter der Sozialen Dienste in Kreuzlingen, Alfred Saam-Campi, befürchtet, mit der Revision würden sie an personelle Grenzen stossen. «Es wäre schade, wenn wir zur reinen Auszahlungsstelle verkommen, dafür braucht es keine ausgebildeten Sozialarbeiter.» Er rechne mit keinem Tsunami, aber einer «kleinen Bodenseewelle» ab April. Bis Ende Jahr erwartet er 50 neue Fälle. Fest stehe, dass der Sockel von Sozialhilfeabhängigen stetig wachse.