GASTRONOMIE: Ein Bauernbub kocht für Könige

Der Schweizer Starkoch Anton Mosimann hat eine 400-seitige Autobiografie geschrieben. Darin schildert er die Symbiose von Spitzenküche und Promiwelt – und wie Liz Taylor ihn auch nachts auf Trab hielt.

Beda Hanimann
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Beda Hanimann

beda.hanimann

@tagblatt.ch

Die kleine Szene zeigt vielleicht am besten, wie berühmt Anton Mosimann ist. Oder wie unverzichtbar. Als er einmal an einer Privatparty in London gekocht hatte und nach dem Dinner den Gästen vorgestellt wurde, unter denen auch Queen Elisabeth war, begrüsste ihn diese mit einem ­Lächeln und den Worten: «Not you again.» Schöner britischer Humor, den der Wahl-Londoner Mosimann natürlich verstand. Seit Jahren bekocht er das Königshaus, die Hochzeit von Prinz ­William und Kate Middleton im April 2011 bezeichnet er als seine schönste Hochzeit.

Anton Mosimann, gerade siebzig geworden, ist ein Phänomen. Er sei der erste Schweizer Küchenchef im Ausland mit Starpotenzial gewesen, «der erste, dessen Name zu einer Marke wurde, ganz gleich, ob er auf einer Menukarte oder einer ­Packung Puddingpulver stand», schrieb die «Bilanz» einmal. Trotzdem sei ein Mosimann-­Hype ausgeblieben. Kein Wunder: Mosimann ist nicht er exzentrische Kreativkünstler, sondern der stets zuvorkommende Gentleman, dessen Markenzeichen die Fliege ist. «Ohne Geschrei kommt man weiter», schreibt er in seiner eben erschienenen Autobiografie.

Unter Erwachsenen in der Beiz gross geworden

Der leidenschaftliche Gastronom, der seiner angehenden Frau gleich zu Beginn zu ver­stehen gab, sie werde hinter dem Beruf die Nummer 2 bleiben, hat die Welt schon aus der Restaurant-Perspektive kennen gelernt. Seine Eltern führten eine Bauernbeiz in der Nähe von Grenchen und später eine Arbeiterbeiz in Nidau. «Ich bin ein Gaststubenkind, gross geworden unter Erwachsenen», schreibt er. Da habe er erste Lektionen in Networking erhalten und gelernt, «zu sehen und gesehen zu werden».

Es war eine schöne Kindheit, aber nicht ohne Schattenseiten. Die Eltern hatten Probleme mit dem Alkohol, als Siebenjähriger wurde er sexuell missbraucht, was er bis zur Arbeit an der Autobiografie mit dem Appenzeller Koch und Autor Willi Näf nie jemandem erzählt hatte. Er habe es tief unten verscharrt, und als 70-Jähriger sagt er: «Aber das ­andere ist wichtiger. Das Leben hat es doch wahnsinnig gut gemeint mit mir.»

Das andere, das war die Kochlehre im «Bären» in Twann, das waren die weiteren Ausbildungsschritte in allen Bereichen der Küche. 1970 kochte er an der Weltausstellung in Osaka, wo er seine künftige Frau, die Oberuzwilerin Kathrin Roth, kennen lernte. 1975 kam er ins renommierte «Dorchester» in London, 1988 konnte er eine ehemalige Kirche kaufen und darin sein eigenes Club-Restaurant eröffnen, das «Mosimann’s», wo vor einigen Jahren die Stabübergabe an die Söhne Mark und Philipp begonnen hat.

In den beiden Lokalen entwickelte sich der Bauernbub aus dem Seeland zum Koch der Weltprominenz – und der britischen Königsfamilie. Claudia Schiffer oder König Karl Gustav, Yassir Arafat oder Elton John, Kate Winslet oder Roger Federer, Prinz Charles und Diana, alle tafelten sie bei ihm oder liessen sich von ihm bekochen, wie der Bildteil im Buch bezeugt. Und Mosimann liess es sich auch nicht nehmen, Liz Taylor mitten in der Nacht ein Roastbeef auf die Suite zu bringen. Seine Ausführungen belegen die Symbiose von Spitzengastronomie und Promiwelt.

Mosimann hat Tausende von Rezepten kreiert, er hat die «­Cuisine Naturelle» erfunden, die auf Alkohol, Butter, Rahm und Öl verzichtet, und er führte den Briten vor, wie gut ihre Küche sein kann. Zu seinem Ruhm aber haben ebenso sehr die zahl­reichen Auftritte in der Fremde oder an Benefizveranstaltungen beigetragen, an denen er sein Organisationstalent und seinen Perfektionismus unter Beweis stellte – und sein Lebensmotto umsetzte: «Gastgeber ist keine Rolle, Gastgeber ist eine Identität.»

In der Autobiografie schildert Mosimann seine Sichtweise mit wohltuender Selbstironie, er ergänzt sie mit Statements von Weggefährten und Gästebucheinträgen. Das ergibt einen faszinierenden Einblick in das globale Netzwerk, das ihm half, seine Leidenschaft auszuleben. Und andere daran teilhaben zu lassen.

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