Futter für die Raubvögel

«Bei euch in Diessenhofen hat man wirklich ein grosses Herz für Vögel.» Geschmeichelt und etwas erstaunt nehme ich das Kompliment von meinem Cousin, dem Steckborner Turmspatz, entgegen, denn oft macht er sich über uns hier im Rheinstädtchen lustig.

Drucken
Teilen

«Bei euch in Diessenhofen hat man wirklich ein grosses Herz für Vögel.» Geschmeichelt und etwas erstaunt nehme ich das Kompliment von meinem Cousin, dem Steckborner Turmspatz, entgegen, denn oft macht er sich über uns hier im Rheinstädtchen lustig. «Es wird ja auch viel für uns Piepmätze getan», sage ich, «unter den Vordächern der alten Häuser gibt es viele Nistplätze, die für Katzen nicht erreichbar sind. Und unten am Rhein schwirren Tausende Insekten herum, ein Schlaraffenland.» «Ich meine nicht euch kleine Federbällchen. Die nimmt man eben so hin», sagt er, «Diessenhofen hat die grossen Flieger im Blick.» «Tauben?» Er schüttelt den Kopf. Auch von Raben will er nichts wissen. «Raubvögel?» «Erraten. In eurem wilden Osten siehst du, was ihnen euer Städtchen bietet.» Also mache ich mich auf, um selber nachzusehen. Neben unserem Wolkenkratzer wurden vor einigen Jahren zum Abschluss der Siedlungsfläche eine Reihe von niederen Gebäuden mit Blick ins Grüne gebaut. Gleich dahinter ein Meer von hohen Stangen auf dem freien Feld. «Wunderbar», sage ich zu einem Spaziergänger mit Hund, «dort oben können die Habichte, Falken und Milane hocken und warten, bis sich eine Maus zeigt, dann geht es im Sturzflug hinunter zur Erde.» Der Mann lacht. «Diese Stangen wurden schon für Raubvögel aufgestellt. Doch nicht für solche mit Federn, sondern solche mit zwei Beinen und einem Aktenkoffer. Der Hunger nach Land treibt sie an. Sie rauben uns die Aussicht, den Bauern das Land und den Kindern die Wiesen, wo die Drachen steigen.» Kann es sein, frage ich mich beim Heimfliegen, dass es unser Städtchen mit seiner Liebe zu den grossen Räubern etwas übertreibt?