Fussballtalent hofft auf Asyl

Seit einigen Monaten hat die aus Afghanistan stammende Familie Alizadeh am Aadorfer Kirchweg eine neue Heimat gefunden. Der älteste Sohn Komil fällt mit seiner Freundlichkeit auf, aber auch durch seine fussballerische Brillanz.

Kurt Lichtensteiger
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Der Bruder in der Vaterrolle: Komil Alizadeh hilft seiner Mutter beim Erziehen der vier jüngeren Geschwister. (Bild: Kurt Lichtensteiger)

Der Bruder in der Vaterrolle: Komil Alizadeh hilft seiner Mutter beim Erziehen der vier jüngeren Geschwister. (Bild: Kurt Lichtensteiger)

AADORF. Das Spiel der D-Junioren des SC Aadorf gegen die Alterskameraden aus Tobel/Affeltrangen endete mit 3:0 für die Einheimischen. Matchentscheidend war unbestritten der Aadorfer Komil Alizadeh, der sozusagen im Alleingang die Partie entschieden hatte. Er glänzte mit Dribblings, guten Zuspielen und zwei erfolgreichen Torschüssen. Dem Gegner gelang es kaum je, diesen Spielgestalter in den Griff zu bekommen. Seine Ballkunst war dermassen auffallend, dass sich der Trainer die Hände rieb. Die Zuschauer fragten sich, ob der schlacksige Junge, der seine Widersacher um Kopfeslänge überragte, nicht etwas älter als die erlaubten zwölf Jahre sein mochte. «Er muss beim nächsten Spiel bei den C-Junioren spielen, da wird er mehr gefordert», sagte Trainer Andreas Hasler. Ob er aus Afghanistan stamme oder aus dem Iran, wisse er auch nicht so genau. Ein Fragezeichen setzt er auch hinter sein Alter.

Ein Besuch zu Hause

Vor kurzem war Komil Zaungast bei einem Tennistraining des TC Aadorf. Mit auffallender Freundlichkeit bat er darum, mitspielen zu dürfen. Ein geliehenes Racket in der Hand, jagte er jedem Ball nach und liess gleich sein Ballgefühl aufblitzen. Er wohne seit März dieses Jahres in Aadorf, besuche hier die 5. Klasse und sei bei den Mitschülern beliebt, meinten Komils Kameraden.

Ein Besuch bei der Familie konnte etwas Licht in das Dunkel bringen, was sich allerdings infolge der Sprachbarriere als äusserst schwierig erweisen sollte. Zwei schmale und steile Treppen führen in die Wohnung, die der Familie von der Gemeinde zugewiesen worden ist. Überraschend herzlich gestaltet sich der Empfang. Die 34jährige Mutter mit ihren fünf Kindern im Alter von 2, 4, 7, 8 und 12 Jahren, grüsst freundlich lächelnd mit einem Händedruck. Und schon bald steht ein Glas warmer Tee auf dem kleinen Stubentisch.

Verantwortung schon als Kind

Komil, der älteste Sohn, wirkt mit seinen geringen Deutschkenntnissen als Dolmetscher. Fragen um dessen fussballerische Vergangenheit erleichtern den Einstieg. Vom Aufnahmezentrum in Kreuzlingen seien sie ins kantonale Durchgangsheim Romanshorn gekommen. Fussball habe er auf Empfehlung jedoch bei Amriswil gespielt. So erfolgreich, dass ihm der Trainer aus dem eigenen Sack das Bahnbillett nach Amriswil bezahlt habe, nachdem Komil mit der Familie nach Aadorf umgezogen war. Wohl hatte man in Amriswil den talentierten Jungen, der das Fussballspielen zuvor nur von der Strasse her kannte, nicht gern ziehen lassen. Dass nun Talentspäher bereits auf ihn aufmerksam geworden sind und ihn nach Winterthur oder Wil locken wollten, ist ebenfalls kein Geheimnis. Vorerst wird daraus jedoch nichts. Zu gross ist die Verantwortung des Jungen, der praktisch die Rolle des fehlenden Vaters übernimmt, allein schon der deutschen Sprache wegen. Die sechs Familienmitglieder unterhalten sich auf Farsi, einer persischen Sprache, und einzig Komil spricht gebrochen Deutsch.