«Fussball ist doch langweilig»

Die Sekundarschule Erlen ist eine von fünf neuen «Swiss Olympic Partner Schools». Dort werden Nachwuchstalente im Unihockey unterrichtet. Für die Schüler der Sportklasse, wie Joel Mazenauer, gibt es auch mal 13-Stunden-Tage.

Nina Ladina Kurz
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Unihockey ist der Lieblingssport des zwölfjährigen Joel Mazenauer. Er trainiert täglich 90 Minuten lang mit der Sportklasse in Erlen. (Bild: Nana do Carmo)

Unihockey ist der Lieblingssport des zwölfjährigen Joel Mazenauer. Er trainiert täglich 90 Minuten lang mit der Sportklasse in Erlen. (Bild: Nana do Carmo)

ERLEN. Im Hauptgebäude der Oberstufenschule Erlen wird gelernt – in der Sporthalle nebenan gelärmt. Die Schüler der Sportklasse sind im Unihockeytraining. Einer von ihnen ist Joel Mazenauer. Der Trainer hat ihn in die rote Mannschaft eingeteilt und lässt die Teams gegeneinander antreten. Zwei Sportschüler sitzen am Rand und beobachten das Spiel. Einer ist krank, muss aber trotzdem dabei sein, der andere hat sich während des Spiels leicht verletzt. «Das linke Team macht zu wenig Druck.» – «Stimmt, dabei wäre die Verteidigung der Gegner einfach zu durchbrechen – so gewinnen wir am Wochenende nie.»

Nach 90 Minuten ist der Sportunterricht zu Ende. Der Trainer setzt sich mit den Schülern im Kreis auf den Hallenboden. Lagebesprechung. Er lobt sie für ihren Einsatz und bespricht mit ihnen das Freundschaftsspiel am Samstag. Danach rennen die Schüler zum Umkleideraum. Der Schultag ist noch nicht vorbei, in 15 Minuten beginnt das Lernstudium im Hauptgebäude. Joel Mazenauer und seine Mitschüler machen dort im Stillen ihre Hausaufgaben – jeder für sich, überwacht und wenn nötig unterstützt von einer Lehrperson.

Kein Flöten, sondern trainieren

Joel Mazenauer geht gerne hier zur Schule. Für Nachwuchstalente im Unihockey ist sie die einzige Förderschule dieser Art – alles dreht sich hier um Unihockey. Seit diesem Schuljahr führt sie sogar ein Qualitätslabel, darf sich offiziell «Swiss Olympic Partner School» nennen.

Dem Leistungssport fallen dafür andere Fächer zum Opfer: Während die Regelklassen auf Sekundarstufe I bis zu 33 Unterrichtslektionen pro Woche haben, sind es für die Sportklassen maximal 25 Lektionen. Der Werkunterricht, der normale Sportunterricht sowie die musischen Fächer haben dem Unihockey Platz machen müssen. Vormittags besuchen die 41 Nachwuchstalente integriert in den normalen Klassen die Hauptfächer wie Mathematik oder Französisch. Am Nachmittag steht Kraft-, Lauf-, Mannschaftstraining und zur Abwechslung auch mal Handball auf dem Stundenplan.

«Unihockey ist einfach cooler»

Joel Mazenauer hat es seit Beginn der Oberstufe vor vier Wochen ziemlich streng. Der 12-Jährige aus Frauenfeld steht jeden Tag um Viertel vor sechs auf, um halb acht beginnt der Unterricht und um halb sieben abends ist er wieder zu Hause – ein 13-Stunden-Tag. «Die langen Tage sind mir egal, ich will nur Unihockey spielen», sagt er. Um aufgenommen zu werden, musste er zweimal am Mittwochnachmittag vorspielen und sein Talent beweisen. Seit der zweiten Primarklasse spielt er im Frauenfelder Unihockeyclub Red Lions. Eine andere Sportart interessiert ihn nicht: «Fussball spielen alle, aber das ist doch langweilig; ein riesiges Feld, und es passiert wenig.» Unihockey dagegen sei schnell, spannend und – mit seinen Worten ausgedrückt – «einfach viel cooler».

Dass er nicht mit seinen Freunden aus dem Quartier in die Schule gehen kann, stört ihn nicht. «Ich sehe sie doch am Abend oder am Wochenende», sagt er. Über Mittag darf er mit einem Mitschüler bei einer Gastfamilie in Erlen essen. «Da gehe ich gerne hin, die Gastmutter kocht wirklich gut.» An Nachmittagen wie heute sei er aber doch ein bisschen müde. Das sei wohl so, sagt der 12-Jährige und zuckt mit den Schultern. «Die Lernstunden können mühsam sein. Oft kann ich mich nur in der ersten halben Stunde gut konzentrieren.»

Trainer entscheidet, wer spielt

Die Umstellung auf das tägliche Training mache sich nach dem Schulbeginn bemerkbar, sagt Unihockey-Trainer Marc Bareth. «Die meisten Kinder hatten bis jetzt zweimal wöchentlich Training. Sie müssen sich zuerst an den täglichen Sport gewöhnen.» Wenn die Schüler im Training müde sind, werden auch mal weniger intensive Übungen wie Penaltyschiessen gemacht. Wer allerdings zu lange keinen Einsatz bringt, muss mit Konsequenzen rechnen. «Nur wer im Training motiviert ist und mitmacht, darf an den Meisterschaftsspielen am Wochenende mitspielen», sagt Bareth. Er hofft, dass zwei oder drei Kinder aus dieser Klasse später in der Nationalmannschaft spielen.

Ganz so ambitioniert ist Joel Mazenauer nicht – er will nicht unbedingt ins Nationalteam. Lieber wäre er Flügelspieler in der Mannschaft der Red Lions.

Joel Mazenauer blickt auf die Uhr. «Kann ich gehen?» Ob er will oder nicht, er muss noch in den Lernraum. «Vielleicht schaffe ich die Hausaufgaben noch fertig. Dann kann ich mich am Abend noch mit Freunden treffen.»