Frühfranzösisch unter Druck

FRAUENFELD. Knapp die Hälfte der Mitglieder des Grossen Rats verlangt die Abschaffung des Französischunterrichts an der Primarschule. Erziehungsdirektorin Monika Knill will einen Thurgauer Alleingang vermeiden.

Christof Widmer
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Primarschüler lernen heute ab der fünften Klasse Französisch. (Bild: Reto Martin)

Primarschüler lernen heute ab der fünften Klasse Französisch. (Bild: Reto Martin)

Jetzt wird das Frühfranzösisch im Thurgau zum Politikum. «Der obligatorische Französischunterricht ist aus dem Lehrplan der Primarstufe zu streichen», verlangt eine breit abgestützte Motion, die im Grossen Rat eingereicht wurde. Französisch soll demnach ab der fünften Klasse nur noch als Freifach angeboten werden. Urheber des Vorstosses sind Verena Herzog (SVP, Frauenfeld), Hanspeter Gantenbein (SVP, Wuppenau), Urs Schrepfer (SVP, Busswil), Katharina Winiger (GP, Frauenfeld), Daniel Wittwer (EDU, Sitterdorf) und Hans Feuz (CVP, Altnau). Weitere 56 Ratsmitglieder haben die Motion unterzeichnet. Damit steht fast die Hälfte der 130 Ratsmitglieder hinter dem Begehren, zu dem die Regierung Stellung nehmen muss.

Schüler überfordert?

Die Motionäre geben ausdrücklich dem Englischen den Vorzug. Dies weil Englisch in Wirtschaft und Forschung die wichtigere Sprache sei. Zudem habe Frühfranzösisch den Zusammenhalt der Schweiz kaum verbessert.

Heute lernen die Thurgauer Schulkinder ab der dritten Klasse Englisch und ab der fünften Französisch. Frühenglisch ist später eingeführt worden, so dass erst seit dem letzten Schuljahr Fünftklässler zwei Fremdsprachen lernen. Nach Ansicht der Motionäre überfordern zwei Fremdsprachen die Primarschüler. Erste Erfahrungen zeigten, dass noch mehr Kinder Stütz- und Förderunterricht brauchen. Zudem würden naturwissenschaftliche Fächer sowie das Werken vernachlässigt, kritisiert Motionärin Herzog. «Das Gewerbe bemängelt schon lange die fehlenden Fähigkeiten der Lehrlinge in diesen Fächern wie auch im Deutsch», sagt Herzog.

Damit trifft sie sich mit der Kritik der Mittelstufenlehrer. Auch aus ihrer Sicht stimmt die Verteilung in der Stundentafel nicht mehr. Die Fremdsprachen hätten gegenüber den anderen Fächern ein zu grosses Gewicht, kritisierten die Ostschweizer Mittelstufenkonferenzen im Sommer (unsere Zeitung berichtete). Sie forderten von den Ostschweizer Erziehungsdirektoren bisher erfolglos, hier über die Bücher zu gehen.

Herzog: «Zeitpunkt ideal»

Der Zeitpunkt sei ideal, die politische Diskussion über Frühfranzösisch anzustossen, sagt Motionärin Herzog. Dieses Jahr kommt der Deutschschweizer Lehrplan 21 in die Vernehmlassung unter den Kantonen. «Damit bestehen gute Chancen für Anpassungen», sagt Herzog. Die Kantone müssten genau prüfen, welche Eckwerte sie im gemeinsamen Lehrplan haben wollen.

Die Lehrer reagieren zurückhaltend auf die politische Schützenhilfe. «Ein einzelner, unkoordinierter Vorstoss bringt wenig», sagt Stefan Birchler, Präsident der Thurgauer Mittelstufenkonferenz. Er fürchtet unterschiedliche Regelungen zum Fremdsprachenunterricht in den einzelnen Kantonen. Anzustreben sei, dass es wenigstens in der Ostschweiz eine einheitliche Regelung gebe.

Knill: Flickenteppich vermeiden

Einen Flickenteppich vermeiden will auch Erziehungsdirektorin Monika Knill. «Es stellt sich die Frage, wie frei der Thurgau ist», sagt sie. Theoretisch kann der Thurgau aber machen, was er will – selbst wenn der Lehrplan 21 an zwei Fremdsprachen festhält.

Die Regierungsrätin will noch nichts vorwegnehmen. Sie bekräftigte aber, dass der Fremdsprachenunterricht überprüft werden muss. Das geschehe schon mit der Überarbeitung des Gesamtsprachenkonzepts für die Schule. Die Motion könne parallel dazu bearbeitet werden.