FRÜHFRANZÖSISCH: «Es geht um die Symbolik»

Das Forum Helveticum, das sich für die Verständigung der Sprachgemeinschaften einsetzt, ist alarmiert. Die Organisation fordert, wenn man eine Fremdsprache auf die Oberstufe verschiebt, dann Englisch.

Sebastian Keller
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Die Medieninteresse aus der ganzen Schweiz war gross an der Grossratsdebatte vom Mittwoch. (Bild: Reto Martin)

Die Medieninteresse aus der ganzen Schweiz war gross an der Grossratsdebatte vom Mittwoch. (Bild: Reto Martin)

Sie war von der ersten Generation, die Frühdeutsch lernte. «Spielerisch und ohne Noten», erzählt Christine Matthey. «Wir fanden es lustig.» Später, in der Sekundarschule, wurde es ernster, komplizierter. «Da war es nicht mehr das beliebteste Fach», sagt die Geschäftsleiterin des Forum Helveticum in fliessendem Deutsch, durchsetzt mit französischem Akzent. Nur selten ringt sie gedanklich um Worte. «Ich fand Deutsch wichtig», sagt sie.

Heute sind ihr persönlich und von Berufes wegen alle Landessprachen wichtig. Das Forum Helveticum mit Sitz im aargauischen Lenzburg hat sich 1968 auf den Weg gemacht, unter anderem die Verständigung zwischen Sprachgemeinschaften in der Schweiz und die nationale Kohäsion zu fördern. Dieser Weg ist seit Mittwoch steiniger geworden. Seit der Grosse Rat des Kantons Thurgau sich erneut für die Abschaffung des Frühfranzösisch ausgesprochen hat. «Das ist ein unerfreuliches Zeichen», sagt Christine Matthey. Ihre Organisation hatte gehofft, dass das Parlament dem Frühfranzösisch noch eine Chance geben würde. Bei den Romands, zwar nicht bei allen, komme dieses Zeichen schlecht an. «Es geht vor allem darum, dass Englisch als wichtiger erachtet wird.» Wenn zwei Fremdsprachen auf der Primarstufe zu viel seien, würde sie sich eine Priorisierung des Französischen wünschen. «Englisch zu lernen, ist für Jugendliche kein Problem.» Es gebe täglich Berührungspunkte mit dieser Sprache.

In der Westschweiz ist Deutsch erste Fremdsprache

In der Westschweiz habe man sich darum bemüht, dass Schüler Deutsch als erste Fremdsprache lernen. Dass in der Deutschschweiz Englisch vor Französisch komme, habe man hingenommen. «Mit den Abschaffungsbestrebungen des Frühfranzösisch befürchten wir, dass Französisch noch unwichtiger wird.» Da sei das Argument, dass die Kompetenzen am Ende der Volksschule gleich sein sollen, ein schwacher Trost. «Es geht auch um die Symbolik», betont Matthey. Die Schweiz sei ein gemeinsames Projekt, und um dieses voranzubringen, sei die Verständigung zentral.

«Der Geist des helvetischen Zusammenhangs wird stark gefordert», schreibt das Forum Helveticum in einer Stellungnahme. Auch weiter östlich des Thurgaus ortet die Organisation besorgniserregende Entwicklungen. Just am Tag, an dem die Kameras auf den Thurgau gerichtet waren, hat das Bundesgericht die Gültigkeit einer Volksinitiative gutgeheissen, die in Bündner Primarschulen nur eine Fremdsprache fordert – für Deutschsprachige Englisch und für Italienisch- und Romanischsprechende Deutsch.

Nächste Bewährungsprobe steht in zwei Wochen bevor

Aufgeben will Christine Matthey nicht. Sie hat grosse Hoffnung und Vertrauen in die Bevölkerung. Auch im Thurgau ist eine Volksabstimmung wahrscheinlich. «Bisher haben die Stimmberechtigten solche Initiativen immer abgelehnt.» Die nächste Bewährungsprobe steht bald an: Am 21. Mai entscheidet die Stimmbevölkerung im Kanton Zürich, ob sie eine Fremdsprache aus der Primarschule streichen will – welche lassen die Initianten offen. Die Geschäftsleiterin des Forum Helveticum hofft auf ein Nein. Bei einem Ja fände sie eine Verschiebung des Englischen auf die Oberstufe besser. «Es ist wichtiger denn je, eine zweite Landessprache früh zu lernen.»