FRÜCHTCHEN: Sex, Maria und die Erdbeere

Erdbeeren sind ein Thurgauer Exportschlager. Sie stehen auf Gemälden, in Filmen und in der Literatur für Erotik und Verführung. Aber auch für Demut und Jungfräulichkeit. Eine kleine Kulturgeschichte.

Marcel Jud
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Gemälde des «Meisters der Lautenbacher Hochaltarflügel»: Madonna mit Kind, dem sie eine Erdbeere reicht; entstanden um 1505. (Bild: Kunstmuseum Basel/Martin P. Bühler)

Gemälde des «Meisters der Lautenbacher Hochaltarflügel»: Madonna mit Kind, dem sie eine Erdbeere reicht; entstanden um 1505. (Bild: Kunstmuseum Basel/Martin P. Bühler)

«Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund, ich schrie mir schon die Lungen wund, nach deinem weissen Leib, du Weib», deklamierte der deutsche Schauspieler Klaus Kinski stöhnend auf seiner 1959 veröffentlichten Schallplatte «Kinski spricht Villon». Das Gedicht stammt zwar nicht vom spätmittelalterlichen Poeten François Villon selbst, sondern wurde um 1930 als Nachdichtung im Stile Villons verfasst. Doch der Anfangssatz spiegelt gut wider, wofür die Erdbeere seit Jahrhunderten steht: Erotik, Verführung und süsse Sünde.

In der Antike war die Erdbeere ein Attribut von Liebes- und Fruchtbarkeitsgöttinnen wie Venus oder Freya. Die römischen Dichter Ovid und Vergil besangen die Frucht in ihren Versen. In seinem Werk «Metamorphosen» bezeichnete Ovid sie als Speise des «Goldenen Zeitalters» und damit des Überflusses.

Um 1500 malte Hieronymus Bosch das Bild «Garten der Lüste»: Überdimensionierte Erdbeeren repräsentieren darauf die sexuelle Lust. Kein Wunder, liess sich 1986 die blonde Schauspielerin Kim Basinger im Film «9 ? Wochen» von Mickey Rourke mit Erdbeeren füttern, bevor es in der Küche zur Sache ging.

Maria, dem Christuskind eine Erdbeere reichend

Bereits in der Bildsprache des Mittelalters galt das Überreichen einer Erdbeere als klare sexuelle Anfrage, schreibt der Theologe Manfred Becker-Huberti. In Gedichten jener Zeit tauche die Erdbeere ihrer Form wegen auch als Synonym für die weibliche Brustwarze auf. Doch in der christlichen Kunst des europäischen Spätmittelalters stand die Erdbeere nicht nur für Sinnesfreuden und Erotik: Die kleine rote Frucht gehört auch zu den sogenannten marianischen Symbolen, die in Darstellungen der Gottesmutter Maria auftauchen – etwa auf dem Gemälde «Madonna mit Kind, dem sie eine Erdbeere reicht».

Gemälde des «Meisters der Lautenbacher Hochaltarflügel»: Madonna mit Kind, dem sie eine Erdbeere reicht; entstanden um 1505. (Bild: Kunstmuseum Basel/Martin P. Bühler)

Gemälde des «Meisters der Lautenbacher Hochaltarflügel»: Madonna mit Kind, dem sie eine Erdbeere reicht; entstanden um 1505. (Bild: Kunstmuseum Basel/Martin P. Bühler)

Das Bild wurde im 16. Jahrhundert von einem namentlich nicht bekannten Meister gemalt und lagert heute in den Archiven des Kunstmuseums Basel. Ein Grund für die Verwendung von Erdbeeren in Mariendarstellungen des ausgehenden Mittelalters ist laut Manfred Becker-Huberti die «Gleichzeitigkeit der Pflanze». Die Erdbeere vereine in sich scheinbare Gegensätze: Zwar zählt die Erdbeere zu den Rosengewächsen, sie bildet jedoch keine Dornen. Und wenn die Erdbeere Früchte ansetze, blühe sie immer noch. Diese Gleichzeitigkeit der Erdbeere entspreche daher symbolisch der Gleichzeitigkeit von «Mater et virgo», schreibt Becker-Huberti – der Mutterschaft und gleichzeitigen unversehrten Jungfräulichkeit Mariens.

Die Farbe der Pflanze habe ebenfalls dazu beigetragen, dass die Erdbeere zu einem Mariensymbol wurde: Die weisse Farbe der Blüte stehe für die Unschuld und das Rot der Frucht für die Liebe. Ihres kleinen Wuchses wegen symbolisiere die Erdbeere zudem Demut und Bescheidenheit; Tugenden, die gerne mit Maria verbunden werden.

Erdbeeren spielen auch in einer der vielen Marienlegenden eine zentrale Rolle: Da ungetauft verstorbene Kinder nach der geltenden Lehre der mittelalterlichen Kirche keine Aufnahme im Himmel fanden, soll sie Maria in den Limbus gebracht haben – einen geschützten Raum, der weder Himmel, Hölle noch Fegefeuer ist. Die Legende besagt weiter, dass Maria einmal im Jahr auf die Erde herabsteige, um in einem Korb Erdbeeren für die Kinder im Limbus zu sammeln.

Auch die Gebrüder Grimm erzählen in ihren «Schönsten Kinder- und Hausmärchen» von Maria, wie sie Erdbeeren pflückt – für das Jesuskind: «Schlaf sanft, ich will derweil in den Wald gehen und eine Handvoll Erdbeeren für dich holen; ich weiss wohl, du freust dich darüber, wenn du aufgewacht bist.»

Verführung mit Champagner und Erdbeeren

Ab dem 17. Jahrhundert verschwindet die Erdbeere aus den Mariendarstellungen. Die süsse Frucht erfreut aber bis heute nicht nur den Gaumen, sondern ist für Künstler auch weiterhin eine Quelle der Inspiration. Wer will, stösst immer wieder auf sie: Sei es im Lied «Strawberry Fields», in dem die Beatles einen melancholischen Drogentraum beschreiben, oder im Film «Pretty Woman», wo Julia Roberts von Richard Gere verführt wird – mit Champagner und: Erdbeeren.