Fremdplazierung: Oft bestimmt das Geld

Fachleute kritisieren, dass bei der Wahl eines Pflegeplatzes für Kinder und Jugendliche in vielen Fällen die Höhe der Kosten den Ausschlag gibt. Das sei auch im Thurgau der Fall. Der Markt für Firmen für Fremdplazierungen boomt.

Martin Knoepfel
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Für viele Jugendliche ist Kalchrain die achte oder zehnte Station. (Bild: Nana do Carmo)

Für viele Jugendliche ist Kalchrain die achte oder zehnte Station. (Bild: Nana do Carmo)

FRAUENFELD. Das heutige System der Fremdplazierungen sei ähnlich wie das System zur Zeit der Verdingkinder. Es gebe Jugendliche, die an acht bis zehn Orten gewesen seien, ehe sie nach Kalchrain kamen. Das sagte Otto Kliem, Direktor des Massnahmenzentrums Kalchrain, an einer Diskussion über Fremdplazierungen. Die TZ fragte nach.

Er habe provozieren wollen, räumt er ein. Heute sei das Niveau ganz anders als zur Zeit der Verdingkinder. Familien, die Pflegekinder aufnähmen, würden dafür bezahlt. Kliem kritisiert aber einen Teil der Sozialfirmen, die Kinder plazieren. Viele hätten kein Label und würden kaum kontrolliert. Die Firma Umsprung, Herdern, arbeite aber seriös. Integras, der Fachverband Sozial- und Sonderpädagogik, lancierte ein Label für Fremdplazierungsorganisationen (FPO). Bisher hat sich erst eine Firma aus der Innerschweiz zertifizieren lassen.

Geld spiele bei der Plazierung eine Rolle, sagt Kliem – in allen Kantonen. Diese Optik sei falsch, denn eine richtige Intervention bringe langfristig mehr. Plazierungen bei Sozialfirmen kosteten 200 bis 250 Franken pro Tag, bei Institutionen 300 bis 400 Franken. Vor der Plazierung müsse man seriös abklären, welche Therapien Kinder und Jugendliche brauchten. Manchmal dränge jedoch die Zeit, räumt Kliem ein. Man müsse in drei, zwei oder einem Tag etwas finden. Dann seien gründliche Abklärungen unmöglich.

Zahl der Firmen boomt

In der Deutschschweiz seien Fremdplazierungen ein 140-Millionen-Franken-Markt, ohne dass jemand richtig hinschaue, kritisiert Andrea Keller von Integras. Vor vier Jahren seien es 40 FPO gewesen, heute 70 bis 80. Die Aufsicht funktioniere nur partiell. Viele Gemeinden, auch im Thurgau, kümmerten sich nicht mehr gross um plazierte Kinder, wenn sie mit einer FPO zusammenarbeiteten. Ihre Erfahrungen mit dem Pflegekinderwesen im Thurgau nennt Keller «wenig berauschend». Sie habe gestern den letzten Thurgauer Fall bearbeitet.

Der billigste Platz sei der beste für das Kind. So dächten viele Behörden, betont die Weinfelderin. Kinder würden auch heute vor dem Entscheid über Umplazierungen oft nicht angehört. Man wisse nicht mal, wie viele Kinder fern der Eltern aufwüchsen. Es gebe aber auch im Thurgau Behörden, die sehr gut arbeiteten.

Aufsicht geteilt

Heute kümmert sich im Thurgau die Heimaufsicht um Pflegefamilien, die mehr als fünf Kinder aufnehmen. Sie besuche die Familien regelmässig, sagt Christian Schuppisser, der im Departement für Justiz und Sicherheit für die Heimaufsicht zuständig ist. Pflegefamilien bis vier Pflegekinder stehen unter Aufsicht der Vormundschaftsbehörden der Gemeinden. Ob das so bleibt, wenn die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde 2013 operativ wird, ist noch offen.