Fremdes Volk, Du riechst so gut

Jedes Jahr im Juli tritt in Frauenfeld ein beobachtenswertes Phänomen ein. Die Invasion des Open-Air-Festival-Volkes. Ein sporadischer Vielvölkerstaat aus Vertretern aller Kantone, der sich für ein Wochenende in der Thurgauer Hauptstadt zusammen- findet.

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Junge Frauen tragen knappe Shorts und Gummistiefel.

Junge Frauen tragen knappe Shorts und Gummistiefel.

Jedes Jahr im Juli tritt in Frauenfeld ein beobachtenswertes Phänomen ein. Die Invasion des Open-Air-Festival-Volkes. Ein sporadischer Vielvölkerstaat aus Vertretern aller Kantone, der sich für ein Wochenende in der Thurgauer Hauptstadt zusammen- findet. Wobei der Zweck die Vereinigung fördert: Die Huldigung von Hip-Hop-Grössen wie Drake, 50 Cent und Sido.

Nach einer ersten durchzechten Nacht und wenigen Stunden Schlaf im provisorischen Zeltdorf pilgert ein Grossteil des fremden Volkes am Samstag in die Welt der Einheimischen. Zur bahnhofsnahen Passage. Wobei auch hier der Zweck die Vereinigung fördert: Nahrungsaufnahme und das Aufstocken des Alkoholbestandes: Verpflegung ist schliesslich wichtig.

Will man sich auf die Spuren dieses jungen Volkes von jenseits der Murg begeben, müssen nur Augen und Nasenflügel aufgesperrt werden. Alle paar Minuten spuckt der Shuttlebus, der die beiden Welten der Einheimischen und jene der Open-Air-Besucher verbindet, neue Menschen vor die Füsse des Bahnhofs. Sie wandern unter der Unterführung hindurch, die Treppe hoch, über die Gleise der Frauenfeld-Wil-Bahn und durch die Pforten des Konsums, rein in die Passage.

Wie ein breiter Fluss strömt das fremde Volk durch diesen kleinen Abschnitt Frauenfeld und prallt dabei mit dem gewöhnlichen Wochenendtrott der Alteingesessenen zusammen.

Dabei knirscht es unter den Füssen. Vom Bahnhof her ist der Boden übersät mit eingetrockneten Matschklumpen. Unzählige Neuankömmlinge bringen von der Allmend her immer neuen Dreck.

So klar wie ihr Weg abgesteckt ist, scheint auch der Kleider-Code das bunte Volk zu vereinen. Die weibliche Fraktion trägt unisono Hotpants, ein knappes Shirt und Gummistiefel – wer noch keine hat, kann sich beim Gummistiefelstand vor der Passage in die Uniformierung einkaufen. An den Gummistiefeln ist denn auch die Zuneigung abzulesen: Beste Freundinnen tragen die gleichen Gummistiefel, ob Sternchen oder Schlangen-Print ist dabei egal. Hauptsache Gummistiefel zu Hotpants. Bei den Männern darf es variabler sein. Oben-ohne und mit nackten Füssen voller Matsch, die Tattoos der Sonne entgegengestreckt, oder funktionaler in Open-Air-tüchtigen Hosen und Shirts: Hauptsache keine Gummistiefel.

So wie die Gummistiefel die Männchen von den Weibchen unterscheiden, lässt sich auch beim Körperduft eine signifikante Differenzierung feststellen: Von den Männern her strömt ein leicht beissender Geruch in die Nase. Was vor allem dann auffällt, wenn man sich losgelöst von den Grüppchen, die sich vor der Passage mit den ersten Einkäufen verpflegen und sich hinein- begibt in das Einkaufszentrum. Wenn man neben der Station, wo die Handys aufgeladen werden, vorbeigeht und den Matsch-klumpen die Treppe hoch zu den öffentlichen WCs folgt. Hier, in der Enge des Ganges zu den Toiletten, kann sich der gesamte Geruch entfalten. Schweiss, Bier, Matsch, klamme Kleider schwängern die Luft über der Warteschlange. Das Schlange-stehen scheint wiederum ein vereinendes Volksmerkmal der Open-Air-Besucher zu sein und ist beinahe Pflicht: Ob vor den WCs oder dem Alkoholtempel «Denner» – Geduld ist geboten.

Hat man sich erleichtert, vielleicht doch noch schnell das Gesicht gewaschen und in der Schlange vor dem Denner ausgeharrt, geht es wieder zurück ins Freie, Richtung Bahnhof, unter der Unterführung hindurch, zum Schlangestehen vor den Shuttle-bussen. Dabei tragen die Open-Air-Besucher ihre Errungenschaften wie Kinder auf den Schultern. Vor allem den Bier-Kisten wird viel Liebe gewidmet, behutsamer Umgang mit der kostbaren Fracht ist ein Muss. Denn fällt sie von den Schultern, ist das Geschrei gross und erstes gereiztes Verhalten macht sich beim Festivalvolk breit.

Dafür geht es mit anderen Dingen locker um. Mit Mülltonnen beispielsweise. Denn egal ob sie unbeschriftet vor der Passage stehen oder mit «Rail-Clean» beschriftet am Bahnhof, sie scheinen für die Open-Air-Besucher nichts anderes als Dekoration zu sein. Der Müll landet konsequent neben der Tonne. So werden die Behälter des harten Alkohols wie Wodka und Gin alleine vor der Passage oder dem Cinema Luna zurückgelassen. Das junge Volk verlässt das Herz Frauenfelds wieder. Zurück zu Zeltdorf und Hip-Hop. Was bleibt ist Müll, sind verstopfte WCs und die Matschklumpen, die unter den Schuhsohlen knirschen.

Text und Fotos:

Alexandra Looser

Zurück aufs Gelände. Open-Air-Besucher mit ihren Einkäufen.

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Open Air trifft Frauenfeld: Warten vereint oder auch nicht.

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Einkauf für einen neuen Open-Air-Tag.

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Nackte Männerbeine, nicht alle sind sauber.

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Schnell noch im Vorbeigehen ein paar Schuhe gekauft.

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Gefragter Treffpunkt: Die Ladestation fürs Handy.

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Achtung, sie kommen: Die Open-Air-Besucher auf der Treppe.

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