Fremde Orte, vertraute Landschaft

Eine Familie kommt aus den Ferien zurück. Thomas, seine Frau Astrid und die beiden Kinder. Das Ehepaar sitzt auf der Holzbank vor dem Haus. Mit der Zeitung und einem Glas Rotwein. Es ist ein lauer Sommerabend. Astrid geht hinein, sieht nach dem Sohn, der nicht einschlafen kann. Thomas bleibt allein zurück.

Rahel Haag
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Peter Stamm liest aus seinem Roman «Weit über das Land» in der Casa Sunnwies in Islikon. (Bild: Andrea Stalder)

Peter Stamm liest aus seinem Roman «Weit über das Land» in der Casa Sunnwies in Islikon. (Bild: Andrea Stalder)

Er steht auf, geht zum Gartentor – hebt es beim Öffnen etwas an, damit es nicht quietscht – und verschwindet. Lässt seine Frau, die Kinder, sein Leben zurück.

Mit dieser Szene beginnt der Roman «Weit über das Land» von Peter Stamm. Am Mittwoch las er vor rund 50 Besuchern in der Casa Sunnwies in Islikon. «Es ist speziell, zu Hause zu lesen», sagte er zu Beginn. Obwohl, es sei ja nicht ganz zu Hause. «Ich bin nicht nervös, aber . . .» Der Satz bleibt in der Luft hängen, Stamm bringt ihn nicht zu Ende.

Stattdessen beginnt er zu lesen. Die Füsse unter dem Tisch ­gekreuzt, die Arme halbverschränkt, über das Buch geneigt. Zwischen seinen Augenbrauen zwei senkrechte Falten. Er blickt kaum auf. Nur einmal scheint ein Geräusch seine Aufmerksamkeit zu erregen. Sein Blick löst sich nur kurz von der Buchseite, ist aber durchdringend, die blauen Augen geweitet. Fast wirkt er wie ein Reh, das in der Nacht mitten auf der Fahrbahn im Scheinwerferlicht eines Autos steht.

Thomas bleibt verschwunden, zieht los Richtung Westen. Zu ­Beginn nur in Halbschuhen und ohne Ziel. Seine Familie bleibt zurück. Abwechselnd wird die Geschichte aus Thomas’ und Astrids Perspektive erzählt. Bereits am ersten Abend ist sie sich sicher, dass Thomas nicht zurückkommt. Und sie behält recht.

Mit Thomas zog auch Peter Stamm durchs Land. Die Hauptfigur geht in Weinfelden los. «Vom Haus meiner Mutter», sagt er. Dann weiter nach Amlikon. Dort sei ihm aufgefallen, dass es keinen Sinn machen würde, wenn Thomas weiter Richtung Westen und damit nach Winterthur und Zürich ginge. «Er will ja nicht entdeckt werden», sagt er. So schlägt Thomas den Weg Richtung Süden ein: Es geht nach Braunau, Littenheid und Wil.

Stamm malt die Landschaft mit Worten nach. Die Geschichte hätte auch in Solothurn spielen können, nur hätte er dann mehr recherchieren müssen. «Die Thurgauer Landschaft ist mir vertraut», sagt er. Gleichzeitig sucht sich Stamm für seine Geschichten fremde Orte. «Und der Thurgau wird mir immer fremder.»

Ein Mann, der seine Familie zurücklässt. Stamm selbst könnte das nicht. Bevor das Buch erschienen sei, habe er seinen Kindern erzählt, worum es ginge. «Und ihnen gesagt, dass sie sich keine Sorgen machen müssen», sagt er und schmunzelt.

Der Anfang der Geschichte liegt 15 Jahre zurück. «Ich hatte ein Bild vor Augen von einem Mann, der in der Nacht durch die Landschaft streift», sagt Stamm. Doch sei ihm nicht klar gewesen, wer der Mann war. Er hatte verschiedene Ideen, «zum Beispiel, dass er ein Verbrecher ist», doch keine hat ihn überzeugt. Schliesslich habe ihm ein amerikanischer Kollege von einer Kurzgeschichte erzählt, in der es um einen Mann geht, der seine Familie verlässt und erst nach 20 Jahren zurückkehrt. «Die ganze Zeit lebt er nur eine Strasse weiter und beobachtet seine Frau.» Doch für einen Roman hätte das nicht funktioniert. «Und schon gar nicht im Thurgau», wirft eine Frau ein. Stamm lacht und sagt: «Im Thurgau würde nach zwei Tagen einer vorbeikommen und sagen: Dein Mann lebt jetzt imfall in der Lärchenstrasse.»