FRAUENPOWER: Von Tuten und Blasen viel Ahnung

Seit einem Jahr ist Ruth Gubler aus Märstetten Präsidentin des Thurgauer Kantonalmusikverbandes. Sie hat sich für ihre Amtszeit hohe Ziele gesteckt. Dafür bringt sie einiges an Lebenserfahrung und grosse Freude an der Musik mit.

Aylin Erol
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Aylin Erol

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@thurgauerzeitung.ch

«Präsidentin zu werden, darüber habe ich nie nachgedacht, und dann nehme ich, vor etwa einem Jahr, den Telefonhörer ab und mir wird das Amt angeboten.» Ruth Gubler (51) staunt noch heute über ihren Quereinstieg als Präsidentin des Thurgauer Kantonalmusikverbandes (TKMV). Seit einem Jahr hat sie das Amt inne und dabei, als erste Frau an der Thurgauer Spitze, schon viel Schwung in den Musikverband gebracht. Das Ehrenamt hat es aber auch ganz schön in sich. Vor allem, wenn Ruth Gubler Arbeit, Familie, Haushalt und Musizieren in zwei Vereinen unter einen Hut bringen möchte.

«Ich musste mich zuerst in das Amt einfinden und sehr viel Neues lernen, da ich zuvor eigentlich nicht viel mit der Verbandsleitung zu tun hatte», sagt Gubler. Gerade in den letzten vier Monaten sei sie nur von Termin zu Arbeit gependelt, Musikproben und wieder nach Hause, um den Haushalt zu machen. «Zeit, um ein Buch zu lesen oder einmal einen Film zu schauen, gab es nicht», muss Gubler zugeben. Sie habe sich für ihre Amtszeit hohe Ziele gesetzt. Eine neue Homepage des TKMVs konnte in diesem Jahr realisiert werden und das Reglement für das Kantonale Musikfest und die Statuten seien in Bearbeitung. Eine Facebookseite für den Verband sei ebenfalls ein Thema.

Bei den Veränderungen versucht Gubler, mit dem Finger direkt am Puls der Verbandsmitglieder zu sein: «Ich habe mir vorgenommen, die einzelnen Vereine besser kennen zu lernen, sie während ihrer Proben zu besuchen und ihre Wünsche und Verbesserungsvorschläge bezüglich des Verbandes entgegen- zunehmen.» Neben den vielen Sitzungen des Verbandes und der Kantonalmusik-Präsidenten konnte sie allerdings bisher nur zwei Vereine besuchen. «Hätte der Verband jedoch keine Geschäftsstelle erstellt, so würde gar keine Zeit mehr bleiben, und ich hätte das Amt womöglich auch nicht angenommen», sagt sie.

Kraft und Ausgleich gibt die Musik

An Biss fehlt es der Präsidentin bestimmt nicht. Mit dem Waldhorn, das sie mit 34 Jahren zu spielen lernte, hat sie sich ebenfalls eines der schwersten Blasinstrumente ausgesucht. Gubler: «Das liegt wahrscheinlich einfach in meiner Natur. Ich liebe Herausforderungen.» Ihre Familie und Freunde gäben ihr dabei immer Kraft, und ihren Ausgleich findet sie in der Musik.

«Es gab einige Ereignisse in meinem Leben, die mich sehr geprägt haben», erzählt Gubler. Ihre Tochter grosszuziehen, die mit dem Down-Syndrom zur Welt kam, brauchte viel Kraft. Auch hatte es sie zwei Jahre aus der Bahn geworfen, als ein gutartiger Tumor in ihrer Bauchspeicheldrüse gefunden wurde.

1994 verlor sie ihren Bruder bei einem Unfall, und im gleichen Jahr erlitt sie selbst schwere Verletzungen am Bein durch einen Unfall, auf den zwölf Operationen folgten. Gubler: «Ich dachte, ich würde nie mehr eine Wanderung machen können, ohne Schmerzen dabei zu haben.» Und doch sei dies heute möglich. «Alles, was ich erlebt habe, hat mir geholfen, die Dinge in einem anderen Licht zu sehen und nicht so schnell den Kopf hängen zu lassen. Das Kämpfen lohnt sich nämlich jedes Mal», findet Gub-ler. Nach ihrer Genesung liess sie sich zur Medizinischen Praxisassistentin umschulen. Seither arbeitet sie in einem 70-Prozent-Pensum im Spital. «Durch meinen Beruf ist es mir auch einmal möglich, früher Feierabend zu machen, um rechtzeitig an einer Sitzung zu erscheinen», sagt sie.

Höchstens acht Jahre

Bisher hätten die Vorstands- und Vereinsmitglieder stets positiv auf sie reagiert. Der frische Wind scheint durchaus willkommen zu sein. «Es gibt natürlich noch vieles zu tun, aber ich finde, es ist auch in Ordnung, seine eigenen Leistungen anzuerkennen.» Da sie zu Beginn nicht gewusst habe, ob sie dieses Amt überhaupt erfüllen könne, sei sie jetzt doch stolz, dass alles besser geklappt habe als angenommen. Mehr als zwei Amtszeiten, was acht Jahren entsprechen sollte, möchte sie aber nicht Präsidentin bleiben. «Nach mir braucht es auch wieder frischen Wind.»