FRAUENFELDER QUARTIERVEREINE: DAS KURZDORF (1/8): Das Älteste und Grösste von allen

Das Kurzdorf entwickelt sich rasant. Die Hälfte der geplanten Wohnungen in der Stadt entstehen dort. Es besitzt aber auch viel historische Bedeutung und macht den Anfang einer Serie über die Quartiervereine.

Géraldine Bohne
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Quartiervereinspräsident vom Kurzdorf, Roland Marti, auf der Brücke im Murg-Auen-Park. (Bild: Reto Martin)

Quartiervereinspräsident vom Kurzdorf, Roland Marti, auf der Brücke im Murg-Auen-Park. (Bild: Reto Martin)

Géraldine Bohne

geraldine.bohne

@thurgauerzeitung.ch

 

Einst war das Kurzdorf eine eigenständige Bauerngemeinde, die es schon 400 Jahre vor der Gründung der Stadt Frauenfeld gegeben hat. Das Quartier war reformiert und besass eine eigene Kirche namens St. Johann und einen eigenen Pfarrer. Das damalige Pfarrhaus und das Haus des Mesmers namens Küblerhaus an der St. Johannstrasse sind heute noch gut erhaltene Riegelhäuser und gehören zu den historisch wertvollsten Bauten im Kurzdorf, erzählt Stadtführerin Andrea Hofmann. Ersteres ist gross und mächtig, denn der Beruf des Pfarrers hatte früher grosses Ansehen.

Letzte Hinrichtungsstätte des Kantons

Auch das Galgenholz war für das Kurzdorf bekannt. Dort wurden bis ins Jahr 1854 Verurteilte vom Scharfrichter hingerichtet. Das Galgenholz war sogar die letzte Hinrichtungsstätte im Thurgau. Das Wappen des Quartiervereins «Löwe von Kyburg mit Richtschwert» entstammt aus dieser Zeit. 1864 wurde das Galgenholz verkauft und beforstet. Auch die Industrialisierung fand in dieser Epoche Einzug. Die Gemeinde baute unter anderem ein Gas- und ein Eisenwerk. Der einstige Mülibach kam den Industrien zu dieser Zeit sehr gelegen und wurde als Industriekanal genutzt. Altbewohner des Quartiers erinnern sich noch an den Dorfbach, auf dem sie früher im Winter Schlittschuh liefen. 1970 wurde der Bach aufgeschüttet.

Auch heute noch kann man die Spuren der Industrialisierung erkennen. Grosse Firmen wie etwa die Zuckerfabrik oder die Schleifmittelherstellerin Sia haben ihren Standort im Kurzdorf. Dieses war bis 1919 eine eigenständige Gemeinde mit eigenem Vermögen, wie Lokalhistoriker Angelus Hux sagt. Es musste dann beim Zusammenschluss der sechs Einzelgemeinden Frauenfeld Stadt, Kurz- und Langdorf, Herten, Huben und Horgenbach an das neue «Grossfrauenfeld» abgegeben werden. Jetzt ist das Kurzdorf fester Bestandteil von Frauenfeld und wichtig in den Bereichen Industrie und Bau.

«Heute ist das Kurzdorf extrem entwickelt», sagt Quartiervereinspräsident Roland Marti. Es besitze alles: Kultur, Kirche und alle Schulhäuser, die es brauche. Das Zentrum liegt beim Primarschulhaus Kurzdorf, dort befinden sich auch einige Quartierbeizen. «Es hat einige Vorteile, hier zu leben», sagt Marti, «man ist sehr zentrumsnahe, trotzdem aber sehr schnell in der Natur.» Mit 6500 Einwohnern ist das Kurzdorf das grösste und älteste Quartier der Stadt. Es dehnt sich vom Murg-Auen-Park im Osten bis zur Zuckerfabrik im Westen aus, von der Kaserne Auenfeld ­ im Norden bis zur Bahnlinie im ­Süden.

Viel Leben im neuen Murg-Auen-Park

Nebst der Allmend hat es ein Stück Grün zwischen den Wohnsiedlungen vom Kurz- und Langdorf namens Murg-Auen-Park. «Anfangs gab es einige Diskussionen, da viele Bäume gefällt wurden. Doch jetzt haben die Frauenfelder Freude am Park», sagt Marti, ehemaliger Leiter der Raiffeisenbank. Die Bewohner seien stolz, dass sich dieser in ihrem Quartier befinde, er gehöre jedoch der ganzen Stadt. Über 100 Anlässe haben dort bereits stattgefunden. «Die Bevölkerung ist geteilter Meinung, ob es ein Naherholungsgebiet oder eine Festivalmeile sein soll», sagt Roland Marti. Im vergangenen Sommer ist dort sogar das «Out in the Green Garden»-Festival über die Bühne gegangen. Viele gehen im Park spazieren, weiss der Quartiervereinspräsident. Im Sommer seien von Jung bis Alt alle im Grünen zu finden. Im seichten Wasser lässt es sich gut «götschen», eine Grillstelle lädt zum Barbecue ein. Doch nicht nur der Murg-Auen-Park ist für die Bewohner des Quartiers eine Besonderheit, auch auf das Eisenwerk ist man stolz. «Ich besuche mit meiner Frau einige Konzerte dort», sagt Marti, der seit 34 Jahren im Kurzdorf wohnt. Viele blieben aber leider oft fern, da des Öfteren spezielle Musiker Konzerte spielen würden.

Einzig auf den Nebel sind die Kurzdörfler nicht so stolz, den es etwa im Quartier Huben weniger hat. Trotzdem wollen viele Menschen in das Quartier ziehen. «Von ungefähr 400 Neuwohnungen im Bau sind 200 im Kurzdorf», sagt Marti, «diese gehen weg wie warme Weggli.» Vor allem an der Häberlinstrasse und hinterm Bahnhof ist die Bautätigkeit gross.

Im Quartier mit einem hohen Ausländeranteil wohnen viele ältere Leute, aber auch Familien. Aufgrund dieser grossen Anzahl alter Leute darf das Kurzdorf das städtische Pilotprojekt «Älter werden im Quartier» bei sich ausführen. Bei diesem dreht sich alles um die Hilfe für ältere Menschen, damit sie so lange wie möglich selbstständig wohnen können. Dabei werden ambulante Angebote und Dienstleistungen sowie die Aktivierung der Nachbarschaftshilfe ausgebaut.

Kulturweg als Geschenk für die Stadt

Nebst all diesen Projekten hat der Quartierverein Kurzdorf der Stadt Frauenfeld im 2009 einen Kulturweg zum 100-Jahr-Jubiläum des Vereins geschenkt. Dieser konnte nur realisiert werden, da das Kurzdorf viel Geschichte mit sich trägt und einige historische Gebäude besitzt. Aus dem einstigen Dorf mit Galgen wurde ein Stadtteil mit Zukunft.