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FRAUENFELD: Zurück in der Spur

Seit zehn Jahren gibt es im Kurzdorf die Time-out-Klasse. 130 Schülerinnen und Schüler der Oberstufe haben das Trainingslager bisher durchlaufen. Alle haben den Rank in ein geordnetes Leben gefunden.
Stefan Hilzinger
Eine typische Situation: Time-out-Leiterin Franziska Stöckli bespricht mit Christian und Daniela Rietmann die Lernziele. (Bild: Donato Caspari)

Eine typische Situation: Time-out-Leiterin Franziska Stöckli bespricht mit Christian und Daniela Rietmann die Lernziele. (Bild: Donato Caspari)

Stefan Hilzinger

stefan.hilzinger@thurgauerzeitung.ch

Sogar die Hasen der Schwester mussten dran glauben. Schliesslich hatte er den Stammgästen in der Dorfbeiz einen Hasenbraten versprochen. Damals war Christian Rietmann aus Strohwilen gerade mal knapp 13 alt, stand auf der unsicheren Schwelle vom Buben zum Mann und hat alles gemacht, was Gott in dem Alter verboten hat: Geraucht, getrunken, mit Papas Autos herumgekurvt. Die Lehrer duzte er, und sie fürchteten ihn. Die Eltern waren macht- und meist auch ahnungslos, was ihr Sprössling da treibt.

Heute sitzt der 18-jährige Metzgerstift entspannt auf dem Sofa zwischen seiner Mutter Daniela und Time-out-Klassenlehrerin Franziska Stöckli und erzählt. «Ich ging damals locker für 16 durch», sagt Christian. Er berichtet offen und ohne Scheu von seiner bewegten Zeit in der Oberstufe. Wie er plötzlich wieder mit jenen zur Schule ging, die ihn in der Primarschule gehänselt hatten und wie er es ihnen nun als kräftiger und gross gewachsener Sekschüler heimzahlen konnte. Er erzählt, wie er lieber im «Ochsen» Bänikon Fleisch zerteilte als zur Schule zu gehen. «Hauptsache sie behalten mich nicht im Klassenzimmer.» Hausaufgaben hatte er schon Jahre nicht mehr gemacht. Irgendwie kam er durch damit. Doch dann konnten und wollten die Lehrer nicht mehr: Und die Eltern waren endgültig am Ende ihres Lateins.

Das entscheidende halbe Jahr

Ein Time-out tat dringend Not, wenn der junge Kerl noch irgendwie den Rank finden sollte. «Time out» ist das Angebot der Schulgemeinde Frauenfeld für Schülerinnen und Schüler, die in der Normalklasse nicht mehr haltbar sind. Die Time-out-Klasse an der Lachenackerstrasse im Kurzdorf gibt es seit bald zehn Jahren (siehe Kasten). In der Regel bleiben die Schützlinge drei bis sechs Monate in der Obhut von Time-out-Leiterin Franziska Stöckli und ihren Kollegen. So war es auch bei Christian. «Ich war am Sonntag noch nicht sicher, ob er am Montag dann tatsächlich mitkommt nach Frauenfeld», sagt Mutter Daniela. Doch er kam mit und blieb, wenn auch viel länger als er zuerst meinte. «Ich dachte nicht daran, das länger als zwei, drei Wochen mitzumachen», sagt Christian. Doch die Sache griff. In der Time-out-Klasse gelten strickte Regeln. Die Schule dauert von 7.45 Uhr bis 17 Uhr, ohne freien Nachmittag. Die Schüler kochen gemeinsam mit den Lehrern, helfen in der Küche. Und jeder hat seine eigene «Target-List», seine Zielvereinbarung, die laufend überprüft wird. Es geht häufig um Grundsätzliches: Pünktlichkeit und Höflichkeit oder darum, ob jemand die Hausaufgaben zuverlässig erledigt. «Unser Ziel ist, dass die Jugendlichen letztlich den Schulabschluss schaffen und in die Berufswelt einsteigen können», sagt Franziska Stöckli. Diese Erkenntnis traf auch Christian während der Auszeit. «Wenn ich die Schule nicht abschliesse, kann ich keine Lehre machen», sagt er, der nichts lieber will, als Metzger zu werden.

Wieder eine Beziehung zu den Eltern aufbauen

Ebenso wichtig wie schulische Ziele ist die Arbeit an der Sozialkompetenz. Jeden Montagabend findet ein zweistündiges Familiencoaching statt, an dem Eltern, Schüler und Lehrer gemeinsam an Problemen arbeiten. «Beziehung ist alles. Wenn die Jugendlichen es schaffen, auch zu den Eltern wieder eine Beziehung aufzubauen, ist schon vieles erreicht», sagt Stöckli. Sobald es schulisch wieder klappt, klappt es auch wieder mit Disziplin und Umgangsformen – und umgekehrt, weiss Franziska Stöckli aus Erfahrung. Daran müssen alle hart arbeiten. Doch die Arbeit trägt Früchte: «Wer hätte gedacht, dass Christian je wieder mit uns in die Ferien kommt?», sagt seine Mutter.

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