FRAUENFELD: Weihnachtskonzert für Straftäter

Die Türen im Thurgauer Kantonalgefängnis sind schwer. Zwei Dutzend Weihnachtssänger und Musiker hinderte das am Weihnachtsmorgen nicht, eine Andacht des evangelischen Stadtpfarrers Samuel Kienast zu umrahmen.

Mathias Frei
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Die Musikergruppe spielt im Innenhof des Thurgauer Kantonalgefängnis Weihnachtslieder. (Bild: Andrea Stalder)

Die Musikergruppe spielt im Innenhof des Thurgauer Kantonalgefängnis Weihnachtslieder. (Bild: Andrea Stalder)

Applaus. Ganz leise. Aus irgendeiner der Zellen. Das Klatschen ist nicht lokalisierbar. Aber da und dort gehen hinter den Gitterstäben Fenster auf. Weihnachtsmorgen, kurz nach 9 Uhr, nicht allzu kalt, aber grau. "Für viele der Gefangenen ist Weihnachten ein Tag wie der jeder andere auch", sagt Markus Städler. Er ist Leiter Gefängnisse beim kantonalen Amt für Justizvollzug. Ein Gefängnis bleibt ein Gefängnis, auch am Weihnachtstag. Christbaum, Kerzen und dergleichen: aus Sicherheitsgründen verboten. Dafür hat es Videokameras und Stacheldraht.

Und doch liegt an diesem Morgen ein besonderer Geist in der Luft. Die Gefangenen klatschen nach jedem Lied. Die Gesichter der Weihnachtssänger und der Bläsergruppe beginnen zu strahlen. Es macht Freude, jemandem Freude zu bereiten. Und das hat Tradition. Seit nunmehr 42 Jahren besuchen die Frauenfelder Weihnachtssänger, jeweils begleitet von einer ad-hoc-Musikergruppe, nach dem Singen das Gefängnis – früher das kleine Gefängnis an der Freien Strasse, mittlerweile das Kantonalgefängnis in Frauenfeld-Ost.

Aus einer Zelle ist "Feliz navidad" zu hören

Derzeit 28 Häftlinge sind in Zellen mit Innenhofblick untergebracht. Zwei Dutzend Weihnachtssänger und Bläser sind gekommen. Einzelne halten die Liedermappe in den Händen, viele singen auswendig. Auf der einen Seite des Innenhofs die Auswärtigen, gegenüber die, die nicht wieder gehen können. Dazwischen gewissermassen ein Respektsabstand. Nur einer hält nichts davon: der evangelische Stadtpfarrer Samuel Kienast. Er spricht die Gefangenen an – "geschätzte Insassen" – und wünscht am Schluss dort, wo das Fenster offen ist, mit einem Handschlag "frohe Weihnachten". Die Gruppe stimmt "O du fröhliche" an. Hinter den vergitterten Fenstern schummert Licht. "Ich kann mir vorstellen, dass es für Sie zynisch klingen mag, wenn wir dieses Lied singen", sagt Kienast. Dann erzählt er die Geschichte von Jakob, der seinen Bruder betrog und aus Angst in die Wüste floh. Dort erschien ihm Gott. "Jakob war kein Frommer, er hat nie an Gott gedacht." Aber Gott dachte an Jakob. "Das Leben ist nicht zu Ende", spricht der Pfarrer zu den Häftlingen. Nach einem letzten Kanon winken die Sänger und Musiker den Gefangenen zum Abschied. Auf "schöne Weihnachten" kommt ein "Merci" retour. Aus einer Zelle ist "Feliz navidad" zu hören.

Heuer sind ab 6 Uhr morgens 50 Sänger im Oberwiesen unterwegs gewesen. Vielleicht wären nach dem Morgenessen im Kirchgemeindehaus spontan noch ein paar Sänger mehr ins Gefängnis gekommen, mutmasst Pfarrer Kienast. Aber für das Singen für die Häftlinge war eine namentliche Voranmeldung notwendig. Am Empfang gibt Gefängnisleiter Städler allen Anwesenden ihre Ausweise zurück. Die schweren Metalltüren öffnen sich wieder. Zurück bleiben nur die, die bleiben müssen.


Mit Rabattmarken Geschenke kaufen

Einzelnen sagt Weihnachten nichts, aus religiösen Gründen zum Beispiel. Auch zur Teilnahme am Freizeitanlass in der Adventszeit wurde niemand gezwungen. Laut Städler wurde eine Andacht mit Musik gefeiert. Danach stand Basteln auf dem Programm. Aber ein Geschenk gibt es in der Altjahreswoche für jeden, Artikel des täglichen Bedarfs wie Shampoo und Schokolade. Bezahlt werden diese Dinge aus den Rabattmarken, welche die Insassen unter dem Jahr für ihre persönlichen Einkäufe erhalten. Wichtig ist: Jedes Geschenk ist gleich viel wert.

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