FRAUENFELD: Warten – Leben retten – warten

Die Diskrepanz im Alltag von Rettungssanitätern könnte nicht grösser sein: Lange warten, vorbereiten, üben, um beim Ernstfall innert weniger Minuten am Unfallort zu sein. Der normale Arbeitstag von Alexander Sigi und Roman Engeler.

Samuel Koch
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Roman Engeler und Alexander Sigi vom Rettungsdienst der Spital Thurgau AG machen sich auf den Weg zu einem Einsatz. (Bild: Donato Caspari)

Roman Engeler und Alexander Sigi vom Rettungsdienst der Spital Thurgau AG machen sich auf den Weg zu einem Einsatz. (Bild: Donato Caspari)

FRAUENFELD. Blitzschnell muss es gehen. Ob beim Mittagessen, beim Gang aufs WC oder mitten in der Nacht: Sobald die Notrufzentrale Alarm schlägt, eilt's. Denn nicht selten geht es bei den Einsätzen der Rettungssanitäter der Spital Thurgau AG um Leben und Tod – da kann jede Sekunde entscheiden. «Innerhalb einer Minute müssen wir unterwegs sein», sagt der 43jährige Alexander Sigi. Die heutige Tagesschicht ab Frauenfeld teilt er sich mit dem 38jährigen Roman Engeler. «Wenn der Alarm eingeht, müssen wir sofort alles liegenlassen», sagt Engeler. 15 Minuten nach der Abfahrt müssen die beiden am Einsatzort angekommen sein – das Einhalten der Zeiten wird überprüft.

«Schwierig», trotz viel Routine

Von der Basis des Kantonsspitals Frauenfeld aus kümmern sich insgesamt 35 Personen um den Rettungsdienst – rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr. Alleine im vergangenen Jahr sind über 8000 Einsätze von den fünf Thurgauer Basen aus gefahren worden (siehe Infokasten). Das sind durchschnittlich mehr als 20 täglich. «Manchmal sind es mehr, manchmal weniger», sagt Sigi. Im Gegensatz zu Engeler ist der gelernte Offsetdrucker aus Konstanz schon über 20 Jahre im Beruf tätig. «Klar bin ich nicht mehr so nervös, Blut habe ich schon viel gesehen», sagt er. Es gebe aber auch Einsätze, die auch ihn noch belasten. «Gerade wenn ein Kind etwa nicht mehr atmet, oder den Patienten schon auf dem Rücktransport ins Spital keine Überlebenschancen mehr gegeben werden.» Das nage dann schon, und trotzdem nimmt er vom Alltag wenig mit in sein Familienleben.

Bei Roman Engeler «chrüselet's» noch etwas häufiger. Der Familienvater aus Kirchberg SG steht mitten in der dreijährigen Ausbildung zum Rettungssanitäter. Je nach Einsatz gehe dem gelernten Zimmermann doch noch viel durch den Kopf. «Wir reden viel im Team und verarbeiten das Erlebte wenn möglich untereinander», sagt Engeler. Sollte das nicht reichen, gibt es eine anonyme Anlaufstelle für die Rettungssanitäter.

Im Gebäude «Coco» am Kantonsspital Frauenfeld – vis-à-vis des Parkhauses und der Garage – stehen den Rettungssanitätern Büro, Verpflegungs- und Ruheräume zur Verfügung. Wer etwa für die Nachtschicht von 18 bis 8 Uhr eingeteilt ist, kann sich auch einmal hinlegen. «Von Schlafen kann da aber keine Rede sein», sagt Sigi. Im Dienst befindet er sich trotz grosser Routine wie auf Nadeln. «Mehr als Dösen geht da nicht.» Deshalb geht er lieber raus, um Leben zu retten.

Und trotz vielem Warten und Vorbereiten sind beide fasziniert vom Beruf. «Das Unplanbare ist interessant», sagt Engeler. Den Ärmel habe es ihm reingenommen, als er bei einem Herzinfarkt eines ehemaligen Zimmermann-Kollegen die Professionalität der Rettungskräfte erlebt habe: «Das war schon beeindruckend.» Auch für Alexander Sigi ist kein Tag wie der andere. «Aber die schnelle Entwicklung in der Medizin ist auch eine Herausforderung.» Was heute gelte, könne in einigen Jahren bereits wieder überholt sein.

Nebst Standortleiter Christian Hollenstein ist heute auch Notarzteinsatzfahrer Ernst Vogelsanger im Dienst. «Bis jetzt ist es ruhig», sagt Sigi. Er setzt sich an den Computer und organisiert die weitere Planung als Ausbildner. Roman Engeler arbeitet an seiner Diplomarbeit. Alles ist ruhig.

Mit Blaulicht durch die Stadt

Plötzlich geht's schnell. Piepen auf dem Pager: Alarm. «Steckborn», sagt Alexander Sigi. Aufgeboten wird aber nicht der Rettungsdienst, sondern Notarzteinsatzfahrer Ernst Vogelsanger. Er lässt alles liegen, zieht seine Leuchtweste an und macht sich sofort auf den Weg zur Garage. «Dringlichkeitsstufe 1», sagt er, als er mit dem Notarztauto schon mit Blaulicht unterwegs ist, um Notarzt Florian Lieb in der Notfallstation abzuholen. Mit Sondersignal und entsprechender Vorsicht geht's durch Frauenfeld – die anderen Autos öffnen die Gasse. Dann folgt der Funkspruch, dass das zuständige Rettungsteam von Felben her in Richtung Spital unterwegs ist.

Ein älterer Mann sei am Untersee von einer Leiter gestürzt und befinde sich in kritischem Zustand. «In diesem Fall gibt es unterwegs eine Ablösung», sagt Ernst Vogelsanger. Denn Rettungssanitäter sind nur beschränkt befugt, überlebensnotwendige Massnahmen einzuleiten. Auf der Zürcherstrasse Höhe Wellauer kreuzen sich die Autos mit Blaulicht. Schnell halten sie an, und Notarzt Lieb wechselt das Fahrzeug. Dort beurteilt er den Zustand des Patienten und das weitere Vorgehen. Entwarnung. Im Rettungswagen des Herz-Zentrums Kreuzlingen – wieder mit Blaulicht – geht es zurück ins Kantonsspital Frauenfeld. Nachdem der Patient an den leitenden Notarzt überführt wurde, erledigen die Rettungssanitäter den Papierkram. Somit ist auch der Einsatz von Ernst Vogelsanger vorbei. Sein Dienst noch nicht, weshalb er sich wieder ins Gebäude «Coco» begibt.

Alexander Sigi und Roman Engeler sind unterdessen für eine Patienten-Überführung unterwegs. Ohne Dringlichkeit und Blaulicht – und ohne «Chrüsele».

Bild: SAMUEL KOCH

Bild: SAMUEL KOCH