FRAUENFELD: Vom Dänen zum Stadtpräsidenten

Vor 18 Jahren konnte sich Anders Stokholm erleichtert einbürgern lassen. Früher fühlte er sich als Zaungast. Das Schweizer Bürgerrecht verhalf ihm zu neuer Identifikation und zum Recht auf politische Mitwirkung.

Mathias Frei
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Im August 2000: Anders Stockholm ist nun Schweizer und beteiligt sich politisch.

Im August 2000: Anders Stockholm ist nun Schweizer und beteiligt sich politisch.

Anders Stokholm wurde am 15.  Dezember 1998 kein neuer Mensch. Er wurde Schweizer – und war damit kein Däne mehr. Das Datum hat der heutige Frauenfelder Stadtpräsident noch gut im Kopf. «Denn zwei Tage später lief die Frist ab, um zusammen mit zehn Unterschriften den Wahlvorschlag für das Eschenzer Gemeindeammann-Amt einzureichen», erzählt Stokholm. Seinen Schweizer Ausländerausweis hat er als Erinnerungsstück aufbewahrt.

Der Secondo Stokholm konnte sich damals erleichtert einbürgern lassen. Möglich machte das die Heirat mit einer Schweizerin, seiner Ehefrau Vera. Nicht zuletzt aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen ist Stokholm ein Befürworter der erleichterten Einbürgerung für junge Ausländer der dritten Generation.

Als Pfarrer wollte er nicht politisieren
Natürlich veränderte jener Dezembertag 1998 viel in Stokholms Leben. «Ich war schon immer politisch interessiert.» Jedoch habe er sich stets als Zaungast gefühlt, einer, der zwar kommentieren, aber nicht mitbestimmen kann. Stokholm hatte 1991 geheiratet. Nach damals gültigem Recht hätte er also schon 1996 den Antrag auf erleichterte Einbürgerung stellen können. Aber der reformierte Theologe wirkte noch bis 1998 als Pfarrer der Kirchgemeinde Burg (bei Stein am Rhein). Und als Pfarrer wollte er nicht politisieren. Doch dann verteilten die Eschenzer Ortsparteien einen Flugblattaufruf betreffend zukünftigem Gemeindeammann. Stokholm entschloss sich zu einer Kandidatur.

Er kenne nicht wenige, die sich nach ihrer erleichterten Einbürgerung durchaus sehr aktiv politisch betätigten. Für Stokholm selber war ebenfalls klar: «Wenn ich Schweizer bin, will ich auch mitgestalten und Verantwortung übernehmen können.»  Das tat er: als Gemeindeammann, später im Grossen Rat, heute als Stadtpräsident und seit 2016 wieder im Kantonsparlament. «Die Identifikation mit einem Land ist eine andere, wenn man Bürger ist.» Wobei Stokholm eine Zeit lang suchen musste, bevor er und später seine Familie eine Heimat gefunden haben. Sein Vater war auch Pfarrer. Das brachte immer wieder Umzüge mit sich – und war auch der Hauptgrund, wieso durch die kurzen Wohnsitzdauern in jüngeren Jahren kein ordentliches Einbürgerungsverfahren möglich war. Sieben Jahre seines Lebens wohnte er in Dänemark, Grönland und Italien. Erst am Rhein und nun in Frauenfeld fühlt er  sich mit der Familie daheim. «Ich bin Ostschweizer», sagt er. Obwohl sein Heimatort Zürich ist – von seiner Frau übernommen. Ein zukünftiger Antrag auf das Frauenfelder Bürgerrecht sei aber nicht abwegig.

Das Risiko der Staatenlosigkeit
Für Stokholm war der Antrag auf erleichterte Einbürgerung ein bewusster Entscheid. Obwohl zu jener Zeit mit der neuen Staatsangehörigkeit das dänische und das EU-Bürgerrecht erloschen. Dänemark sah damals sogar vor, dass formell bereits beim Antrag auf eine neue Nationalität das Bürgerrecht aberkannt wurde. Stokholm nahm also das Risiko in Kauf, staatenlos zu sein, falls es mit ihm als Schweizer nicht geklappt hätte. Um der politischen Schweizer Werte willen habe er dies gemacht. «Ich konnte mich schon seit jeher mit der direkten Demokratie, dem Subsidiaritätsprinzip und dem Föderalismus identifizieren.»
Mittlerweile ist seitens Dänemark unter gewissen Umständen eine Doppelbürgerschaft möglich. Stokholms älterer Sohn Kaj hätte sich darum bemühen können. «Es hat sich nicht ergeben», sagt Vater Anders Stokholm.