FRAUENFELD: Vielfältig innen, violett aussen

Die Kurzdörfler hatten am Wochenende gleich zwei Gründe zum Feiern. Einerseits die Einweihung des Begegnungszentrums Viva, andererseits das 100-Jahr-Jubiläum der Kirche.

Hugo Berger
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Freuen sich über die Einweihung des Begegnungszentrums Viva (v. l.): Bauführer Martin und Peter Häfliger, Architekt Romeo Maffeo, Baukommissionspräsident Mathis Adank, Heinz Stübi, Präsident der Kirchenvorsteherschaft, und OK-Präsident Andreas Winkler. (Bild: Reto Martin)

Freuen sich über die Einweihung des Begegnungszentrums Viva (v. l.): Bauführer Martin und Peter Häfliger, Architekt Romeo Maffeo, Baukommissionspräsident Mathis Adank, Heinz Stübi, Präsident der Kirchenvorsteherschaft, und OK-Präsident Andreas Winkler. (Bild: Reto Martin)

«Neues entsteht, Altes wird geehrt»: So könnte man die Festlichkeiten der evangelischen Kirche Kurzdorf am vergangenen Wochenende bezeichnen. Nach rund einjähriger Bauzeit wurde das Begegnungszentrum Viva eingeweiht, und die Kirche, die gleich nebenan steht, feierte ihren 100. Geburtstag.

Das Begegnungszentrum Viva machte seinem Namen am Samstag alle Ehren. Im Herzstück des Gebäudes, im grossen Saal, war kaum ein Durchkommen. Etwa zum Buffet, wo es kleine Häppchen und Getränke gab. «Wir haben 200 Einladungen verschickt, und 152 Leute sind gekommen», freute sich Pfarrer Samuel Kienast. Er wundere sich sogar ein bisschen, welch grosse Bedeutung dem Begegnungszentrum von der Stadt beigemessen werde, sei doch der ganze Stadtrat zur Feier gekommen, meinte Kienast bescheiden. Aber wo sind die jungen Leute? – Diese haben um 19 Uhr ihre erste Veranstaltung im Untergeschoss, einem lärmisolierten Raum, den sie selbst mitgestaltet haben, ist zu erfahren. Dann bat Kienast die Gäste um Aufmerksamkeit. Die Redner sind an der Reihe. Das Begegnungszentrum entspreche schon lange einem Bedürfnis, und es passe ausgezeichnet zu den bestehenden Gebäuden, dem Mesmerhaus, dem Kindergarten und der Kirche, die heute ihren 100. Geburtstag feiere, führte Heinz Stübi, Präsident der Kirchenvorsteherschaft, aus. Bauleiter Martin Häfliger betonte, man habe wo immer möglich Handwerker aus der Region berücksichtigt.

Architekt Mathias Romer machte auf die Symbolik aufmerksam: Die Pultdächer erinnerten an betende Hände, die blaue Fassade nehme das Blau des Himmels auf, und die Stützen strahlten wie goldene Sonnenstrahlen. Auch Stadtpräsident Anders Stokholm servierte ein paar Häppchen. Er las aus dem Buch der Bücher, sorgte aber mit eigenen Interpretationen für Lacher. So etwa: «Wer von euch einen Turm baut, möge ihn zuerst berechnen.» Sodann war die Hilfe der Gäste gefragt. Sie mussten zwar keinen Turm berechnen, aber aus den Buchstaben Viva einen träfen Werbespruch erfinden. Und sie beweisen, dass Potenzial vorhanden ist. So zum Beispiel: «Viele Ideen verändern alles». Oder: «Vielfältig innen, violett aussen.»

Nicht als vielfältig und violett, aber als heimelig wird die alte Dame bezeichnet, die Anlass für den zweiten Grund des Kirchgemeinde- und Quartierfestes gab. Mit einen Vortrag und einer Festschrift von Hannes Steiner wurde im Anschluss der 100. Geburtstag der Kirche Kurzdorf gefeiert.

Einweihung mitten im Ersten Weltkrieg

Am 18. Oktober 1915 beschliesst die damalige Vorsteherschaft mit acht zu zwei Stimmen, mit dem Projekt vor die Kirchgemeindeversammlung zu treten. Am 4. Februar 1917, mitten im Ersten Weltkrieg, wird die neue Kirche eingeweiht. Am Gottesdienst amten beide Pfarrer, der katholische und der reformierte. In seinem Buch «Die Kirche im Dorf» macht Hannes Steiner einen Streifzug durch 800 Jahre Geschichte der Kirche St. Johann im Kurzdorf. Was ihn in seinen Recherchen am meisten überrascht habe, sei das grosse Engagement, das die Kirche damals im Sozialbereich geleistet habe, sagte der Autor. «Ziel der Kirche war es, den Mühseligen und Beladenen unter die Arme zu greifen.» Daher habe er diesem Kapitel in seinem Buch auch viel Platz eingeräumt.
Die thurgauische Landeskirche habe den sozialen Problemen damals schon deshalb nicht ausweichen können, weil sie bis ins zweite Drittel des 20. Jahrhunderts den staatlichen Auftrag zur Armenpflege hatte. Die Kirche als «Sozialbehörde» stellte Leumundszeugnisse aus, empfahl fürsorgliche Massnahmen oder versuchte sie abzuwenden.