FRAUENFELD: Thais kochen chinesisch

Mymy und Xuong Thai führen die «Flühlingslolle» in der Vorstadt, wo früher der Metzger Stäheli war. Nun gibt es China-Food und Sushi. Über den hinteren Teil des Take-away-Restaurants lässt sich staunen.

Désirée Wenger
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Xuong Thai bereitet das frische Gemüse blitzschnell mit eigener Gewürzmischung zu. (Bilder: Andrea Stalder)

Xuong Thai bereitet das frische Gemüse blitzschnell mit eigener Gewürzmischung zu. (Bilder: Andrea Stalder)

Désirée Wenger

desiree.wenger@thurgauerzeitung.ch

«Wir sind beide Chef», sagt Mymy Thai. Sie führt mit ihrem Mann Xuong Thai das chinesische Lokal Flühlingslolle in den Räumlichkeiten der ehemaligen Metzgerei Stäheli. Dabei spricht sie nicht nur davon, wer das Sagen hat, sondern auch vom Kochen. «Ausser uns zwei haben wir noch eine Sushi-Köchin zu 50 Prozent eingestellt. Auch meine Mutter hilft ab und zu. Meist sind wir aber zu zweit.» Er kümmert sich um die warme Ente, sie um den kalten Fisch, rote Currys und Sushi. Für mehr Personal wäre es in der 14 Quadratmeter grossen Küche auch zu eng. «Wir brauchen hier nicht mehr Platz, wir bereiten alles unten in den Produktionsräumen vor», sagt Herr Thai. Vorne im Essensbereich, wo auch der Tresen steht, kann man den Thais genau zu­sehen, wie sie Sushi, malaysische Currys und knusprige Ente zu­bereiten.

Wie in einem traditionellen China-Restaurant sieht es in der «Flühlingslolle» aber nicht aus. Die moderne Einrichtung mit orangen Farbklecksen wirkt frisch und hip. «China muss nicht immer Glücksdrache und Disziplin sein», finden die Thais. Die beiden Köche aus Leidenschaft kamen kurz nach ihrer Geburt von Vietnam als Flüchtlinge in die Schweiz und sind hier aufgewachsen. Kennen gelernt haben sie sich in einem «China-Camp», einem Jugendlager zur Wiederentdeckung der eigenen Wurzeln. «Da hat es gefunkt», erzählt Mymy Thai. Gefunkt beim Kochen hat es nicht von Kinds­beinen an. Eigentlich wollte die 38-Jährige Schauspielerin oder Synchronsprecherin werden. «Mein Vater führte vor über 20 Jahren das ‹Golden River› in Frauenfeld. Davor war er einer der ersten Schweizer China-­Köche und arbeitete im ‹Suzy Wong› in Schaffhausen. Da wurde ich neugierig und entdeckte meine Leidenschaft fürs Kochen.» Frau Thai besuchte die Wirteschule und arbeitete im «Golden River». «Dann wurde ich mit 22 schwanger, und mein Mann sprang in der Küche ein.» So kam auch der gelernte Metallbauschlosser zum Kochen.

Als Mymy Thais Vater schwer krank wurde, gab das Paar das «Golden River» auf und eröffneten das Fine-Dining-Restaurant im Frauenfelder Business-Tower. Immer mehr Kunden führten zu immer mehr Angestellten. «Wir hatten kaum mehr Freizeit und sahen bei unseren 16-Stunden-Tagen unsere Kinder nicht einmal zehn Minuten am Tag. Das brach mir das Herz, und ich weinte viel», erzählt die dreifache Mutter. So konnte es nicht mehr weitergehen. Sie wollten kleiner werden und mehr Zeit fürs Familienleben haben. «Aber jetzt ist es genauso schlimm. Es spielt keine Rolle, ob deine Küche 50 oder 10 Quadratmeter gross ist. Wenn man Qualität liefern will, gibt das eine Riesenarbeit. Jetzt können wir dafür jeden Teller kontrollieren. Aber Familie und Restaurant ist schwer unter einen Hut zu bringen», sagt Xuong Thai.

«Flühlingslolle ist einfach so lustig», sagt Mymy Thai. «Meinen Neffen fiel auf, dass meine Mutter Flühlingslolle sagt, und wir fanden das sehr originell.» Da sie Chinesisch sprechen, finden die Thais den Namen auch nicht beleidigend. Sie dürften schliesslich über ihresgleichen Witze ­machen. Ausserdem habe der Name einen grossen Wiedererkennungswert und gehe gegen das Klischee, dass die chinesische Kultur eher stur ist. «Und er lässt die Leute mal lachen. Das finde ich so schön», sagt Frau Thai.

Vier Stunden lang 10 Kilo Gemüse rüsten

Für ein China-Restaurant bieten sie nicht so viele Menus an. «Wir wollen wegkommen vom Altbekannten. Lieber weniger Menus, dafür Qualität. Bei uns schmeckt jede Speise anders und ganz bestimmt nicht nach Sojasauce», sagt Mymy Thai. Alle Speisen sind handgemacht, auch die Frühlingsrollen. Sogar die Currymischung ist eine Eigenkreation. Einzige Ausnahme bilden die gekauften Nudeln. Statt traditionell auf chinesisches Gemüse, das importiert wird, setzten die Thais auf regionales und saisonales Gemüse. Alle Zutaten bis auf Meeresfrüchte, Fisch und Gewürze kommen aus der Schweiz. Nach Tiefkühlware oder Convenience-Produkten sucht man hier umsonst. Die Kochzeit der meisten Gerichte beträgt nur fünf bis zehn Minuten. «Das liegt an der guten Vorbereitung. Jeden Tag rüsten wir für drei bis vier Stunden Gemüse», sagt Herr Thai. Ungefähr zehn Kilo. Dazu kommen 20 Stunden pro Woche allein für die Herstellung der Frühlingsrollen. Beim Kochen liegt ihnen Qualität am Herzen. «Das Ziel ist es, dass die Gäste es geniessen können. Wir möchte ihnen eine Freude machen, sie überraschen.»

Dies gelingt dem Ehepaar spätestens dann, wenn man nach dem Geheimtipp fragt. Dieser ist ein stilvoll eingerichteter Esssaal hinten im Restaurant. Der totale Bruch zum Take-away-Bereich vorne macht einen staunen. «Die Karte ist dieselbe wie für den vorderen Bereich, wir richten das Essen nur schöner an», sagt Mymy Thai. Wer also Fine Dining im lockeren Imbiss-Stil sucht, ist hier richtig. Alle seien herzlich willkommen. Wenn das Zwischenmenschliche stimme, dann komme eben noch eine Extraportion Liebe mit ins Menu. «Wir haben hier unseren inneren Frieden gefunden. Unsere Gäste sind Schätze, und die kann man nicht kaufen», sagt Mymy Thai zufrieden.

www.flühlingslolle.ch