FRAUENFELD: Streptomycin muss in Spezialofen

Antibiotika als beste Waffe gegen Feuerbrand ist nicht mehr zugelassen und muss zurückgegeben werden. Einzelne Obstbauern verlieren dadurch einige tausend Franken. Der Obstverband überlegt sich, Entschädigungen zu verlangen.

Silvan Meile
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Birnbäume in Salmsach: Die kritische Zeit für einen Feuerbrandbefall ist schon fast überstanden. (Bild: Reto Martin)

Birnbäume in Salmsach: Die kritische Zeit für einen Feuerbrandbefall ist schon fast überstanden. (Bild: Reto Martin)

FRAUENFELD. Das verbotene Mittel Streptomycin soll aus den Kellern der Bauern verschwinden. Im vergangenen Februar gab das Bundesamt für Landwirtschaft bekannt, zumindest für das laufende Jahr keine Zulassung mehr für das Antibiotikum im Kampf gegen Feuerbrand zu erteilen. Nun steigt der Druck auf die Obstbauern, ihre gelagerten Vorräte an Streptomycin zurückzugeben beziehungsweise zu vernichten.

Entschädigung oder Risiko?

Einige tausend Franken können die Vorräte eines einzelnen Obstbauern durchaus wert sein, sagt Ralph Gilg, Präsident der rund 400 Thurgauer Obstproduzenten. Dieses Geld wollen nicht alle Obstbauern einfach so abschreiben, zumal sie sich überrascht und teilweise verärgert zeigten, dass der Bund früher als erwartet Streptomycin-Einsätze verboten hat. In der Obstbranche seien die Meinungen geteilt, sagt Gilg: «Während einige Exponenten eine Entschädigung fordern, erachten andere diesen Verlust als Berufsrisiko.» Ob beim Bund ein allfälliges Gesuch auf Entschädigung eingereicht werde, diskutiere der Verband an seiner nächsten Sitzung, sagt Gilg.

Kanton überwacht Vorräte

Rund die Hälfte der Thurgauer Obstbauern, die Streptomycin besitzen, hätten dieses bereits aus ihren Pflanzenschutzräumen geholt und bei einem Lieferanten von Pflanzenschutzmitteln zwischengelagert, sagt Gilg. Das muss dem Kanton gemeldet werden, der die Vorräte an Streptomycin weiterhin überwacht. Falls im kommenden Jahr tatsächlich vom Bundesamt für Landwirtschaft noch eine Sonderbewilligung für das Antibiotikum erteilt werden sollte, könnte darauf zurückgegriffen werden. Doch die Chancen dürften sehr gering sein. In Europa erlaubt nur noch Österreich einen sehr eingeschränkten Einsatz an Streptomycin.

Hierzulande werden die Vorräte des Mittels wohl früher oder später vernichtet. Das muss in einem Spezialofen der Pharmaindustrie in Basel geschehen, wie Urs Müller erklärt, Feuerbrandexperte am landwirtschaftlichen Bildungs- und Beratungszentrum Arenenberg. Streptomycin sei in der Regel rund vier Jahre haltbar. Weil in den letzten drei Jahren nur sehr wenig des Mittels zum Einsatz kam, dürften die Vorräte bei den Obstbauern mehrheitlich das Haltbarkeitsdatum ohnehin bereits überschritten haben.

Vergleich zur Humanmedizin

Am meisten Streptomycin kam bei der erstmaligen Bewilligung im Jahr 2008 zum Einsatz, wie der Regierungsrat gestern in der Beantwortung von Vorstössen der Kantonsräte Moritz Tanner (SVP, Winden) und Urs Schär (SVP, Langrickenbach) schrieb.

1,5 Tonnen Streptomycin wurden damals versprüht. Weitere drei Tonnen des Mittels kamen in den Folgejahren dazu. Auf Anfrage von Kantonsrat Tanner stellt der Thurgauer Regierungsrat sogar den Vergleich zur Humanmedizin her: Ungefähr drei Tonnen Antibiotika werden dort pro Jahr im Thurgau eingesetzt.

Frost statt Feuerbrand

Derzeit besteht im Thurgau keine ernsthafte Feuerbrand-Gefahr. Durch die aktuell tiefen Temperaturen könnten die Obstbauern diesbezüglich in diesem Jahr glimpflich davonkommen. «Die Bakterien sind zwar vorhanden», sagt Urs Müller. Ihre Anzahl sei aber weit entfernt von der kritischen Marke. Würden in den nächsten Tagen die Temperaturen sprunghaft ansteigen und für längere Zeit feuchtwarmes Wetter vorherrschen, könnte es bezüglich Feuerbrand doch noch kritisch werden.

«Richtig aufatmen können wir erst, wenn die Blütezeit durch ist», sagt Obstbauer Gilg. Das könne bis Ende Mai dauern, da Neupflanzungen später blühen. Grössere Sorgen als der Feuerbrand bereitet den Obstproduzenten derzeit der Frost. «In der Nacht auf Donnerstag sind viele Blüten erfroren.» Je nach Obstart, Blütezeitpunkt und Lage müsse in diesem Jahr mit grösseren Ernteausfällen gerechnet werden. «Das Ausmass der Schäden kann aber erst in den kommenden Tagen und Wochen definitiv beurteilt werden», sagt Gilg.

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