FRAUENFELD: Staatliche Lebenshilfe ist gefragt

Eine gute Handvoll Berufsbeistände kümmert sich um fast 350 Klienten in der Stadt. Die zu betreuenden Fälle werden laut Sozialdienste laufend komplexer, auch weil die Gesellschaft vergreist.

Stefan Hilzinger
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Situation eines typischen Beratungsgesprächs mit Mandanten und Beiständin. (Bild: Peter Klaunzer/Keystone)

Situation eines typischen Beratungsgesprächs mit Mandanten und Beiständin. (Bild: Peter Klaunzer/Keystone)

Stefan Hilzinger

stefan.hilzinger@thurgauerzeitung.ch

Jacqueline ist 16. Seit dem Tod der Mutter lebt sie bei ihrem Vater in der Schweiz, den sie schlecht kennt. Die Berufswahl steht an. Es fehlt an Geld, und der kranke Vater ist mit der Situation überfordert. «Biografien wie jene von Jacqueline sind exemplarisch», sagt Verena Odermatt, Leiterin der Frauenfelder Berufsbeistandschaft. Eine gute Handvoll professioneller Beistände, derzeit alles Frauen, kümmert sich aktuell in 347 Mandaten um Menschen in schwierigen Lebenssituationen.

«Weitere 15 Mandate werden nächstens errichtet», sagt Turi Schallenberg. «Die Komplexität der Lebensgeschichten unserer Klienten verlangt eine hohe Professionalität», sagt der Amtsleiter Soziale Dienste der Stadt. Gemeinsam mit Odermatt und Sozialvorsteherin Christa Thorner bot er den Medien einen Einblick ins Tätigkeitsgebiet der Berufsbeistände. Die Zahl der Mandate oder Fälle erhöht sich einerseits wegen der steigenden Einwohnerzahl der Stadt. Andererseits aber auch, weil es laufend mehr ältere Menschen gibt. Um der zunehmenden Fallzahl Herr zu werden, haben die Sozialdienste in diesem Jahr eine zusätzliche Beiständin angestellt. Eine Stelle, die laut Thorner im städtischen Budget für 2018 definitiv werden soll.

Kein Zweifel an der Notwendigkeit

Doch an der Notwendigkeit der staatlichen Lebenshilfe lassen die Fachleute und ihre Chefin keinen Zweifel aufkommen. «Zwar erhalten die wenigsten Menschen gern einen Beistand, aber die meisten sind letztlich froh um die Unterstützung», sagt Thorner. Berufsbeistände arbeiten seit der Einführung der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) vor vier Jahren in deren Auftrag. Das Errichten einer Beistandschaft ist ein rechtsprecherischer Vorgang, der den Beistand namentlich auf sein Mandat verpflichtet. Der Entscheid zählt die Aufgaben auf, welche der Beistand zu erfüllen hat. Vielfach geht es vorerst darum, die finanziellen Angelegenheiten in Ordnung zu halten. «Ein sensibles Thema, das häufig auch Stoff für Konflikte bietet», sagt Thorner. Doch in dem Kesb-Entscheid kann etwa auch stehen «stets für eine geeignete Wohnsituation zu sorgen», wie es im Beispiel eines 80-jährigen, körperlich und psychisch kranken Mannes heisst. Der Mann wollte dringend aus seiner unpraktischen Wohnung heraus, schaffte es aber nicht alleine. «Der Zufall wollte es, dass wir eine Praktikantin hatten, die dem Mann beim Zügeln helfen konnte», sagt Odermatt.

Handfeste Hilfe ist jedoch die Ausnahme. Berufsbeistände sind Alltagsmanager, die das Leben von überforderten Personen in möglichst geordneten Bahnen halten. Es gibt Menschen, die weder Freunde noch Verwandte haben, die sich um sie kümmern. «Erschreckend, wie viele erwachsene Kinder nichts von ihren betagten Eltern wissen wollen», sagt Turi Schallenberg.