FRAUENFELD: Spannung in den Rundungen

Sie haben zusammen Akte gemalt. Nun zeigen sich Anita Bollag und Joëlle Supersaxo gemeinsam in der Baliere. Zu sehen sind Raku-Skulpturen, Acrylbilder, Drucke – und vor allem Frauen. Heute ist Vernissage.

Mathias Frei
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Die Künstlerinnen Anita Bollag und Joëlle Supersaxo in ihrer gemeinsamen Ausstellung. (Bild: Reto Martin)

Die Künstlerinnen Anita Bollag und Joëlle Supersaxo in ihrer gemeinsamen Ausstellung. (Bild: Reto Martin)

Mathias Frei

mathias.frei@thurgauerzeitung.ch

Sie sind beide glücklich mit Ehemann respektive Lebenspartner. Und trotzdem sind es die weiblichen Formen, die Rundungen der Körper, die Anita Bollag und Joëlle Supersaxo begeistern. «Die Körper von Frauen sind einfach schöner als jene von Männern», sagt Supersaxo. Und sie seien auch einfacher zu zeichnen. Die langen Schwünge auf der Leinwand. Als ihre Kinder zusammen in den Kindergarten gingen, lernten sie sich kennen. Später waren sie im gleichen Aktmalkurs.

Nun bestreiten sie erstmals gemeinsam eine Ausstellung. Heute ist Vernissage von «Frauen – Skulpturen und Bilder». Rund 70 Frauendarstellungen, weibliche Akte, zwei- und drei­dimensional, von zwei Frauenfelderinnen, die eine mit Basler Wurzeln, die andere aus dem Wallis.

Brüste, Scham, Rücken und Beine

Supersaxo ist seit Ende der 1990er-Jahre künstlerisch tätig. In der Baliere sind von ihr zumeist grossflächige Acrylbilder zu sehen. Die Farben sind intensiv, die Formen schwungvoll. Brüste, Scham, Rücken, Beine, mal figürlich und wirklichkeitsgetreu in den Proportionen, mal abstrakt. Es sind die Körper, nicht die Gesichter, die Supersaxo interessieren. In einem anderen Raum hängen von ihr Collagen, für Supersaxo ein Experimentieren. Im Treppenhaus sind es feingliedrige, mehrschichtige Holzdrucke von Frauen in verschiedenen Ausdrucksformen, mal gehend, mal sitzend. Sehenswert sind auch die in Blautönen und Gold gehaltenen Werke, für die eine spezielle Technik des Farbenauftrags zur Anwendung kommt. Sie haben eine Métallisé-Wirkung. Jede Linie müsse beim ersten Schwung sitzen, sagt Supersaxo.

Für ihre Motive haben beide keine konkrete Vorlage. Und was Supersaxo und Bollag weitergemeinsam ist, sind die klaren Fragmente in ihren Werken, die farblichen Gliederungen. Im Gegensatz dazu geht Supersaxo anders um mit gefühlt unfertigen Bildern. Sie legt sie weg, teils für Monate, und übermalt sie dann. Bollag hingegen lässt bearbeiteten Ton bisweilen auch stehen. Wenn sie dem Material aber einmal Figur gegeben hat und ihm Leben eingehaucht hat, hält sie an eben dieser Figur für eben dieses Stück Ton fest – oder lässt ganz von ihm ab. Bollag wendet für ihre Tonkeramik-Skulpturen die alte japanische Brandtechnik Raku an. Indem sie unterschiedliche Lasuren aufträgt, die sehr heiss eingebrannt werden, erhalten die spannungsvollen Figuren die Fragmentierungen. Die Lasuren verleihen ihnen einen metallischen Charakter, als ob es Güsse wären. Früher arbeitete Bollag auch mit Metall. Das Material war ihr aber in der Bearbeitung zu unhandlich.

Immer ist den Bollag’schen Skulpturen eine entrückte Anmut inne. Es sind mal hohe grazile Körper, einige sehen aus wie engelhafte Gestalten. Und ein anderes Mal kauern oder sitzen sie, damit die runden Formen noch intensiver zum Ausdruck kommen. Ähnlich wie beim Rakubrand, dessen Endresultat nicht total planbar ist, weiss Bollag am Anfang eines Werks nicht, welchen Ausdruck die Figur schliesslich hat. Aber die Körper und Gesichter haben Ausdruck, obwohl der heisse Brand zum Beispiel stark differenzierte Gesichter verunmöglicht.

Anita Bollag und Joëlle Supersaxo in der Stadtgalerie Baliere mit «Frauen – Skulpturen und Bilder»: Vernissage, heute um 19 Uhr, Ausstellung bis 24. September. Mi, 17 bis 20 Uhr; Sa, 12 bis 16 Uhr; So, 12 bis 16 Uhr. Frauenfelder Kulturtag, 23. September: 11 bis 17 Uhr, mit Raku-Keramik-Gestalten und Kartendruck (ab 14 Uhr).