FRAUENFELD: «Sie hatte keine Chance, die Person zu erkennen»

Vor zwei Jahren überfuhr eine Frau in Neunforn am frühen Morgen einen Betrunkenen, der auf der Strasse lag. Nun stand sie wegen fahrlässiger Tötung vor dem Bezirksgericht Frauenfeld und wurde freigesprochen.

Christof Lampart
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Die Tür fällt laut zu und schliesst sich hinter der Mutter des Opfers. Sie, die Klägerin, hört den Wunsch der Richterin, beide Parteien mögen irgendwann ihren Frieden finden und mit dem tragischen Geschehen von vor zwei Jahren abschliessen können, nicht mehr. Was die Richterin, Christine Steiger, schlussfolgern lässt, dass dies scheinbar jetzt noch nicht der Fall sei.

Vollumfänglicher Freispruch

Wenige Minuten zuvor hatte das Gericht die Beschuldigte, eine 45-jährige Detailhandelsangestellte aus Unterstammheim, von der Anklage wegen fahrlässiger Tötung frei- und ihr eine Entschädigung von 7000 Franken zugesprochen. Die Ansprüche der Kläger wurden auf den Zivilweg verwiesen. Die Privatkläger – Mutter, Vater, Schwester, Bruder und Lebenspartnerin des Opfers – hatten Straf- und Zivilklage gestellt und dabei eine Gesamtsumme von 113550.75 Franken (106000 Genugtuung/7550.75 Schadensersatz) gefordert.
Wäre das Urteil nach dem Willen der Staatsanwaltschaft ergangen, so wäre die Beschuldigte der fahrlässigen Tötung schuldig befunden und zur Geldstrafe von 30 Tagessätzen à 30 Franken, bedingt erlassen bei einer Probezeit von zwei Jahren, und zu einer Busse von 300 Franken, verurteilt worden.

Zu schnell, abgelenkt oder zu müde?

Im Prozess, der am Donnerstagvormittag begann und bis in den Nachmittag hinein dauerte, drehte sich alles um die Frage, ob die Fahrerin den auf der Strasse liegenden, dunkelgekleideten und völlig betrunkenen, jungen Mann überhaupt rechtzeitig sehen konnte, und so das Unglück vermeidbar gewesen wäre. Die Anklage stellte drei Alternativanklagen auf, wonach die Frau entweder zu schnell fuhr, zu abgelenkt oder zu müde/alkoholisiert war, um den Lieferwagen, den sie mit 60 km/h von Unterstammheim Richtung Dietingen lenkte, rechtzeitig anzuhalten. Mit Abblendlicht habe die Sichtweite in der Dämmerung rund 50 Meter betragen.

Für den Anwalt der Kläger, Hermann Lei, weit genug, um sehen zu müssen, dass jemand auf der Strasse liege. Da die Gegenpartei dies bestritt, wurde vor der Versammlung zur Unglückszeit, um 6 Uhr morgens, ein Augenschein vor Ort genommen und von den Parteien die Strecke abgefahren, wobei eine dunkelgekleidete Puppe das Opfer markierte.

Unklar, ob der Fall weitergezogen wird

In der Urteilsbegründung sprach die Richterin davon, dass sie zwar am Morgen beim Selbstversuch 50 Meter weit sehen konnte, die Figur jedoch erst ab 25 Meter Nähe erkannt habe. Und dies, obwohl sie nur im Schritttempo und im Wissen die Strecke abgefahren seien, auf was sie habe achten müssen. Der Frau sei deshalb kein Vorwurf zu machen.

Zudem sei der Mann dunkelgekleidet gewesen. Wie er dagelegen habe, könne man nicht wissen, doch gehe man – im Zweifel für die Anklagte – davon aus, dass er mit dem Gesicht und den Händen in Fahrtrichtung gelegen habe und der Autofahrerin den in einer schwarzen Lederjacke gekleideten Rücken zugewandt habe. Alles in allem habe das Gericht «vernünftige Zweifel» dass die Frau habe rechtzeitig bremsen können. «Sie hat keine Chance gehabt hat, die Person zu erkennen», sagte die Richterin in der Urteilsbegründung.

Dies war für die Mutter des Opfers zu viel; sie stand auf und rauschte, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Gerichtssaal. An ihrer Stelle äusserte sich nach dem Prozess Hermann Lei. Gefragt, ob das Urteil angefochten werde, legte er sich nicht fest. «Da jetzt etwas zu sagen, ist viel zu früh». Zuerst müssten sich erst einmal wieder «die Emotionen legen», danach wolle man über das weitere Vorgehen beraten.