FRAUENFELD: Renaissance der Barbiere

Die Nassrasur beim Herrencoiffeur wäre fast aus dem Angebot verschwunden. Doch nun trägt der modebewusste Mann wieder Bart. Und plötzlich gibt es in der Stadt neue Barbershops.

Désirée Wenger
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Sascha rasiert im nach ihm benannten «Herrensalon Sascha» einen Kunden. (Bild: Andrea Stalder)

Sascha rasiert im nach ihm benannten «Herrensalon Sascha» einen Kunden. (Bild: Andrea Stalder)

Désirée Wenger

desiree.wenger@thurgauerzeitung.ch

Vor einiger Zeit sah man ihn kaum – und wenn, dann bei älteren Herren. Heute hingegen sitzt er wieder allen möglichen Leuten auf der Wange: der Bart. Dass Gesichtshaar wieder im Trend liegt, zeigt auch die Entwicklung bei den Frauenfelder Coiffeuren. Das wachsende Angebot bestätigt den Trend. So feierte Anfang Monat der «Traditional Barbershop» seine Neueröffnung. Ein Salon nach alter Schule für Haar und Bart und damit der vierte Anbieter in diesem Bereich.

Auch bei «Coiffeur-Barbier Herrensalon Sascha», «Cem’s Cut» und «Silberschere» wird der Bart rasiert, gestutzt und gepflegt. Damit werden die Herrensalons ihrem Namen wieder gerecht, denn: «Es ist eigentlich normal, dass ein Herrenfriseur auch den Bart schneidet. Das war noch vor fünfzig Jahren in jedem Geschäft im Angebot. Dass man heute Barbershop sagt, ist bloss ein Trend», erklärt Ursula Seemann vom «Herrensalon Sascha». Seit dem Aufkommen von Rasierapparaten und Einwegrasierern, verschwand das Angebot allmählich aus den Herrensalons.

Es kommen Männer, die auf ihr Aussehen achten

Alle Frauenfelder Barbiere sind zuversichtlich, dass der Bart auch hierzulande noch eine Weile modern bleiben wird und dass die Nachfrage konstant steigen wird. Der totgeglaubte Barbierberuf erlebt demnach eine Renaissance. Wer trägt Bart? «Alle möglichen Männer», lautet die Antwort der Geschäftsbesitzer. «In mein Geschäft kommen Jung und Alt, aus besseren und bescheidenen Verhältnissen, Schweizer und Ausländer, Polizisten und Gärtner», sagt Cem Bakis von «Cem’s Cut». Das heisst es auch bei den anderen Geschäften. Den typischen Bartträger gibt es also nicht. Aber: «Es sind alles Leute, die gepflegt sein möchten und auf ihr Aussehen achten», sagt Ursula Seemann.

Doch wofür steht der Bart und wieso kam er wieder in Mode? Hier gehen die Meinungen auseinander. «Hauptsächlich hat das mit dem Hipster-Look zu tun», sagt Deniz Durmazkeser vom «Traditional Barbershop». «Der Trend wurde über die sozialen Medien verbreitet. Der Bart steht für Männlichkeit und Erfolg.» Dem pflichtet Bakis bei und ergänzt: «Ganz sicher steht er nicht für Terrorismus oder Islamismus, obwohl er oft damit in Verbindung gebracht wird.» Dies komme daher, dass die Männer in den südlicheren Ländern, besonders in islamisch geprägten Ländern wie der Türkei oder Syrien, Bart tragen würden. Dies sei dort kein Trend, sondern ganz normal. Ausserdem biete jeder Herrencoiffeur die Bartrasur an. «Hinzu kommt, dass Südländer tendenziell behaarter sind als Mitteleuropäer», sagt Bakis. Seemann hingegen meint: «Der Trend des Barttragens ist gesetzt worden, um modernste Rasierapparate auf den Markt zu bringen und zu verkaufen.» Wenn in der Modebranche von Trends die Rede sei, gehe es immer nur ums Geld. Der Bart stehe generell auch nicht unbedingt für Erfolg. Schliesslich dürfe ein Bankangestellter am Schalter keinen tragen.

Keine Angst vor der Rasier-Konkurrenz

Gibt es einen typischen Frauenfelder Bart? Leider nein, heisst es von den Barbieren. Jedoch sind Stutzen und Konturieren besonders gefragt. Frauenfeld sei ein attraktiver Standort. Zudem sorge der kleinstädtische Charakter für die bunte Durchmischung der Kundschaft. Der «Herrensalon Sascha» bietet Bartpflege schon seit 40 Jahren an. Besitzerin Seemann ist selbst verwundert über die neuen Angebote in Frauenfeld. Sie meint aber, dass die Bartmode nun auch im Thurgau angekommen sei. Zürich oder Winterthur seien schneller auf den Zug aufgesprungen. «Als wir 2013 das Angebot um die Bartpflege und Rasur erweiterten, gab es fast keine traditionellen Herrensalons mehr», erläutert Cem Bakis, «und seither sind immer mehr Kunden dazugekommen.» Die Barbiere scheinen sich nicht um die wachsende Konkurrenz zu sorgen. «Ich habe das Handwerk bereits mit neun Jahren in der Türkei erlernt, bevor ich in meiner Jugendzeit eine Lehre absolvierte. Die Leute schätzen praktische Erfahrung», sagt Bakis. Dies bestätigt auch Seemann: «Der Trend kommt und geht, aber die Nachfrage bleibt, weil die Qualität stimmt.»