FRAUENFELD: Pfleger haben keine Zeit für die Pflege

Angestellte des Tertianum-Heims Friedau wehren sich gegen ihre ­prekären Arbeitsbedingungen. Die Sparmentalität habe negative Auswirkungen.

Larissa Flammer
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Larissa Flammer

larissa.flammer@thurgauerzeitung.ch

Im Tertianum Wohn- und Pflegezentrum Friedau in Frauenfeld herrscht Personalmangel. Die Situation wird von Angestellten als so schlimm empfunden, dass zwei von ihnen sich bei der Gewerkschaft Unia gemeldet haben. «Sie beklagen die prekären Zustände und die ­fehlende Zeit für die Betreuung», sagt Gewerkschafter Darius Eigenmann (Interview unten). Die Angestellten* berichteten auch der Thurgauer Zeitung von ihrer Arbeit.

In der Friedau gibt es vier Abteilungen: Demenz, Pflege, Spitex und Neurologie. Für eine Abteilung mit mehr als 20 Klienten seien vier Pfleger vorgesehen – obwohl manche Klienten schwer dement und psychisch instabil seien. «Fast jeden Morgen fehlt zudem jemand», erzählt Person X. Die Angestellten seien überfordert, viele von ihnen ständig krank. «Alle jammern und sind übermüdet.» Nach neun Stunden Arbeit sei man psychisch und körperlich ferienreif. Durch die prekäre Personalsituation würden ständig Leute in anderen Abteilungen aushelfen müssen. «Wer für die Demenzabteilung ausgebildet ist, arbeitet plötzlich mit Neurologieklienten», sagt Person Y. Der Arbeitsplan zeigt, dass manche Angestellten mehrmals hintereinander mit jeweils nur einem Tag Pause dazwischen fünf oder sechs Tage am Stück arbeiten. «Ständig wird man zudem an freien Tagen gebeten, für kranke Kollegen einzuspringen», erzählt X.

Wenn nicht genügend Fachpersonen zugegen seien, müssten auch mal Lehrlinge die Tagesverantwortung übernehmen. Fachleute für Betreuung würden Morphium spritzen und selbst Hilfspfleger müssten Tabletten verteilen und Verbände anlegen. «Wieso musste ich überhaupt einen Beruf erlernen, wenn andere diese Aufgaben ohne Ausbildung ausführen?», fragt sich Person X.

Mehrere Stunden in den eigenen ­Exkrementen liegen

Der Personalmangel zeigt sich an einzelnen Beispielen. Eine Angestellte habe mal in Tränen aufgelöst im ganzen Haus nach Hilfe gesucht, weil sie Feierabend gehabt hätte, aber niemandem die Verantwortung habe übergeben können. Eine Klientin sei einmal einen ganzen Nachmittag lang in ihren eigenen Exkrementen gelegen. Am Mittag habe eine Angestellte, die selber weiter musste, den Geruch gemeldet. Als sie nach 16 Uhr wieder zur Arbeit kam, war die Frau noch immer bis zum Rücken hinauf verschmiert. «Offensichtlich war den ganzen Nachmittag lang niemand im Zimmer, denn der Geruch war alarmierend. Die Frau erhielt also wohl auch nichts zu trinken», sagt Y. Als ein Klient mehrere Stunden lang über immer stärker werdende Schmerzen klagte, musste eine junge Frau in Ausbildung entscheiden, was zu tun ist. «Sie wurde allein gelassen und musste bereits über Leben und Tod entscheiden», sagt X.

Gespart werde nicht nur beim Personal, sondern auch beim Essen und beim Material. «Die Klienten erhalten nie mehr als eine Portion», erzählt Y. Dabei würden sie um die 20 Franken pro Mahlzeit bezahlen. Die Einlagen dürften nur gewechselt werden, wenn sie wirklich voll seien. «Auf verschmierte Einlagen müssen wir WC-Papier legen», ereifert sich Person Y. «Das würde ich bei mir ganz sicher nicht wollen.» Oft würden Angehörige melden, dass der ihnen nahestehende Klient doch bitte zumindest einmal pro Woche geduscht werde. Manche würden die Pflege – zum Beispiel das Rasieren – bei Besuchen lieber gleich ­selber übernehmen. «Man merkt den Klienten leider an, dass wir kaum Zeit für sie haben. Dabei würden wir das noch so gerne machen», sagt Person X. Die ­«katastrophale Pflege» wünschen die beiden Angestellten ihren Eltern oder Grosseltern jedenfalls nicht. «Ich würde nie in ein solches Heim gehen.»

Ende September gab es in der Friedau einen Wechsel in der Direktion. Von der neuen Leiterin haben die beiden Angestellten noch nicht viel gesehen. Sie hoffen, dass diese nun mehr ausgebildetes Personal holt. Vom Hauptsitz der ­Tertianum-Gruppe in Zürich hören die Arbeitnehmer in Frauenfeld nicht viel. «Bei Wechseln in der Leitung gab es ­jeweils einen Brief», sagt X. Was auch nicht gerade zu einem guten Arbeitsklima beitrage: Die Pralinees zu Weihnachten seien gestrichen worden und zum Dienstjubiläum gebe es nicht einmal mehr einen Blumenstrauss.

*Namen der Redaktion bekannt