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FRAUENFELD: Nur die Bibel ist brutaler

Dass die Gebrüder Grimm auch anders konnten, zeigte im Naturmuseum Thurgau eine Märlistunde für Erwachsene. Den Rahmen bot die «Grimms Märchen»-Schau.
Märchenonkel Markus Keller in Aktion. (Bild: Christof Lampart)

Märchenonkel Markus Keller in Aktion. (Bild: Christof Lampart)

«Des Herrn und Teufels Getier»: So lautete der Titel. Und dafür fanden sich am Dienstagabend fast 40 Frauen und eine Handvoll Männer im Naturmuseum Thurgau ein. Zweifelsohne sollten sie in dieser Märchenstunde für Erwachsene voll auf ihre Kosten kommen – wenn sie denn deftigen Themen nicht abgeneigt gewesen waren. Denn das, was der Frauenfelder Schauspieler Markus Keller eine Stunde lang vorlas, war zwar alles aus den «Kinder- und Hausmärchen» der Sprachforscher Jacob und Wilhelm Grimm entnommen, hatte jedoch wenig mit den Disney-artigen, weich gespülten Märchen zu tun, wie sie heute erzählt werden. Da wurde in dermassen grosser Zahl und schneller Abfolge gemordet, vergewaltigt und sonstiges Unheil angerichtet, dass man kaum glauben mochte, dass diese Geschichten einst als kindgerechte Erzählungen galten. Teilweise muteten die als «die schönsten Tiergeschichten der Gebrüder Grimm in der unzensierten Urfassung von 1812» vorgestellten Geschichten in ihrer brutalen Direktheit geradezu abstrus an, aber die Grimms machten im Vorwort, das Keller vorlas, klar, dass Kinder an den Geschichten keinen Schaden nehmen. Denn sie verstünden deren Botschaften. Und übrigens sei in der Bibel noch viel Bestialischeres nachzulesen – und daran stosse sich niemand. Auch an der Lesung dürften sich im Zeitalter von Splatter-Filmen, Pornografie und offensiv geführten Sexismus- und Rassismus-Debatten nur die Zartbesaiteten gestossen haben. Speziell und hörenswert, weil doch gänzlich anders als vieles, was man von den Gebrüdern Grimm zu kennen glaubt, war es aber auf jeden Fall.

Christof Lampart

frauenfeld@thurgauerzeitung.ch

Weitere Aufführung der Lesung: 9. August, 20 Uhr, Napoleon­museum, Schloss Arenenberg.

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